Samstag, 13. Mai 2006
der mündige patient
ist ja ein lieblingsthema von frau kelef, sozusagen, ein ganz besonderes auch noch. dieser ausdruck geistert seit bald 20 jahren durch das gesundheitswesen, und immer noch erzeugt er gänsehaut bei vielen menschen. auch frau tante dockta pepa alteriert sich immer wieder darüber.

jetzt fragt frau kelef aber seit langem, sich selbst und andere, ob man ihr denn diesen ausdruck erklären könne. natürlich fällt kennern der person der lieben frau kelef dazu sofort ein, dass ein ehemaliger geschäftsführer einer firma, für die frau kelef arbeitete, einmal sagte (und zwar als ernstgemeinte warnung, mitten in einer riesenbesprechung): passen sie bloss auf. wenn frau kelef sagt: "und kann man mir das bitte erklären" dann gibt man ihr am besten ganz schnell recht und verlässt mindestens ebenso schnell den raum. der mann kannte frau kelef sehr gut.

jedenfalls: der mündige patient. was soll das sein? einer, der fünf verschiedene arztmeinungen einholt und dann selber entscheidet, ob er jetzt ein künstliches hüftgelenk braucht oder nicht? einer, der selber weiss wie er seinen bluthochdruck oder seinen blutzucker medikamentös richtig einstellen kann? einer, der - wenn auch vielleicht sehr mühsam - begreift, dass occlusivverbände mit cortisonhältigen salben nicht das wirkliche mittel der wahl zur entfernung von hühneraugen sind? einer, der genau weiss welches antibiotikum er bei welcher infektion braucht? oder die frau, die weiss wann eine gburt eingeleitet werden muss oder wann doch ein kaiserschnitt angebracht ist? oder doch eher derjenige, der bei metastasierenden tumoren seine chemotherapie selber wählen kann? derjenige, der seine röntgenbilder (deren erstellung er natürlich selbst anordnet) auch gleich selber interpretiert?

und noch etwas: behördlicherseits wird grosser wert darauf gelegt, dass fachinformationen für ärzte und apotheker aber auch jeden furz enthalten, der einem nur einfallen kann. was ja gut ist. der mündige patient jedoch hat im normalfall keinen zugriff auf diese fachinformationen, sogar wenn er sie verstehen könnte. für den wird eine kurzfassung, der beipackzettel, erstellt, tausendmal bequatscht von fachleuten und behördlich genehmigt und so weiter und so fort. hat die fachinformation aber z.b. 10 seiten, hat der beipackzettel nur 3 seiten, man könnte auch sagen ein viertel der information.

diese gesetzlich vorgeschriebenen beipackzettel (heute gebrauchsinformationen genannt) verstehen 99 von 100 patienten aber sowieso nicht. sicherheitshalber haben eu und emea und noch ein paar kluge vereine jetzt auch noch ein vereinheitlichtes wörterbuch, meddra genannt, ins leben gerufen. da wissen dann pharmaindustrie und ärzteschaft, dass es beispielsweise (aber nur für patienten) "erkrankungen des mittelfellraumes" gibt, und mit der bezeichnung "ameisenlaufen" ist der patient sicherlich auch sehr gut informiert über eine etwaige nebenwirkung.

was soll denn der unfug? ohne jemandem nahetreten zu wollen: frau kelef kennt sich wirlich ganz gut aus. trotzdem: wenn sie krank ist, geht sie zum arzt. sie hat nämlich einen guten, vertrauenswürdigen hausarzt der guten alten schule, seit bald dreissig jahren. der führt seit anbeginn eine ordentliche kartei, hat akribisch genaue aufzeichnungen quasi über jeden flohbiss, eine anzahl von vertrauenswürdigen fachärzten, bei denen man bei bedarf sofort einen termin bekommt, und so ist das gut und so soll es sein. das ist, mit verlaub, mündigkeit genug für einen patienten.

wie soll denn jemand, der bäcker, vekäufer, wirtschaftsfachmann, mechaniker, landschaftsarchitekt oder marketingfachmann ist, entscheiden können welche behandlung oder welches medikament richtig ist? müsste patient da nicht erst medizin studieren, um mitreden zu können? oder redet patient mit und weiss gar nicht, wovon geredet wird? woher soll denn bitte der geflügelzüchter oder der geschäftsführer einer lebensmittelkette wissen, welche konsequenz welche behandlung haben kann und wird?

oder auch umgekehrt: redet der mediziner dem architekten drein, wenn es um die berechnung des fundamentes eines zu bauenden hauses geht? nein. der medizinmann sagt zum hausbaumann: bau mir ein haus, das nicht zusammenfällt, und nicht einstürzt. wie, musst du selber wissen. und medizinmänner sind doch im allgemeinen ebenso über sieben jahre alt wie der "mündige patient".

aber wahrscheinlich ist die medizinkunst einfacher zu durchschauen als das planen und berechnen und bauen eines fundamentes für ein haus.

frau kelef sind auch wenige baumeister bekannt, die dem automechaniker sagen, wie er ein auto reparieren soll. ebensowenig kennt sie schuster, die dem bäcker erklären wie er brot oder kuchen backen soll. und die besten köche der welt sitzen im flugzeug auf ihren sitzen, und geben dem piloten keine ratschläge wie er den landefanflug konzipieren soll, während die piloten sich im allgemeinen sehr selten in die marketingstrategien der flughäfen einmischen, und auch die frisöre den schneidern nicht allzu oft erklären, wie man denn genau einen reissverschluss einnäht.

diese mündigkeit des patienten erinnert so fatal an die sache mit der emanzipation. viele frauen wollen zwar die rechte, nicht aber die pflichten, und sind somit die grössten feinde ihrer selbst.

aber wahrscheinlich hat das der frau kelef wieder einmal keiner erklärt. irgendwelche freiwillige hier?

der ideale bepackzettel schaut in frau kelefs augen übrigens so aus: ein vordruck: .... stück am tag, wenn's dich juckt, geh zum bader. kann universell eingesetzt werden, einheitlich für jedes präparat, muss man nur mehr die anzahl einsetzen. würde die medikamentenkosten drastisch senken, und damit das defizit im gesundheitswesen verkleinern. der spruch wurde zwar schon fast zur legende, aber unsere behörde konnte sich der idee offiziell noch nicht anschliessen (obwohl es schon eine kleine fangemeinde gibt).

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