Montag, 31. Dezember 2018
einen guten rutsch nach 2019!
frau kelef, stets bemüht, will einen glücksbringer kaufen. und zwar, bitteschön, einen igel. einen kleinen, gerne aus glas, und gut aussehend obendrein.

und was soll man sagen? nirgendwo war einer zu finden, wohl diverse kreaturen die einen igel darstellen sollten, aber: nein danke.

"helfen?" fragt beim letzten stand, an dem alles akribisch beäugt worden war, der woher-auch-immer-kommende hautmässig sehr dunkel pigmentierte verkäufer höflich und ein wenig schüchtern.

"ich suche einen igel!"

verkäufer blickt verständnislos, was nachzufühlen ist. dann aber strahlt er ein wenig auf, drückt frau kelef sein handy in die hand, und fragt "translate?"

frau kelef tippt also "igel", gibt das handy zurück, der mann tippt ein wenig weiter herum, liest, tippt noch weiter, und grinst dann im kreis.

tippt nochmals herum, und reicht frau kelef das handy wieder. was er getippt hat?

"igel schlafen im winter. guten rutsch nach 2019!"

hach.

in diesem sinne also auch ihnen allen: einen guten rutsch nach 2019, und alles, was sie sich halt so wünschen.

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Mittwoch, 1. Juni 2016
falsche fragen
es heisst bekanntlich, es gäbe keine blöden fragen, sondern nur blöde antworten.

frau kelef kann das so nicht bestätigen. es liegt ganz oft daran, dass die leut' nicht nach dem fragen, was sie eigentlich wissen wollen.

frau mit fahrrad (ff) auf gehsteig herumradelnd, im kreis fahrend, herumschauend, hält an weil sie sonst die kleine frau pixy (fp) oder frau kelef (fk) über den haufen fahren müsste, oder sich in der - hach - flexi-leine verheddern und vermutlich auf's maul fallen tät. sie hängt halb über dem fahrradsattel, natürlich mit superduperhelm, knieschonern, ellbogenschonern, staubbrille, kurzum: adjustiert wie ein landbriefträger im gebirge - nicht. frau kelef und die kleine frau pixy schauen sich an, und bleiben halt stehen, damit nix sein kann.

ff: passen's doch auf!

fk: jo eh.

ff: sie sind mir da aber im weg.

fk: nein. sie sind im weg.

ff: ich fahr da aber.

fk: radfahren ist am gehsteig verboten.

ff: ich such aber eine gasse!

fk: die ist aber nicht am gehsteig. schauen's doch einfach auf einen stadtplan, oder fragen's.

ff: ich mag keine hunde.

fk: macht nix.

fp: macht einen schritt auf ff zu.

ff: tun's den hund da weg! (schiebt rad zurück).

fk: nein. gehn's vom gehsteig runter mit dem fahrrad. sie haben da nix verloren. oder schieben's halt das blechtrumm.

ff: ich such aber ein gasse.

fk: macht nix.

ff: warum?

fk: warum soll mir das was machen, wenn sie eine gasse suchen? suchen's halt weiter bis sie sie gefunden haben. gibt eine ganze menge gassen hier in der gegend.

ff: das ist eine blöde antwort.

fk: sie haben mich doch gar nichts gefragt.

fp: macht wieder einen schritt auf ff zu, weil: sie will jetzt weitergehen.

ff: tun's den hund da weg, ich mag keine hunde.

fk: macht nix.

ff: ihnen macht wahrscheinlich gar nix was.

fk: oh doch, sie zum beispiel, weil: sie sind uns im weg.

ff: wem?

fk: mir und dem hund. das sehen's doch, sie sperren den ganzen gehsteig ab.

im hintergrund haben sich in der zwischenzeit ein paar fans von frau kelef und der kleinen frau pixy versammelt, unter anderem auch das herrl vom timmy, pixys grosser liebe, die zwei tölen begrüssen sich wie immer herzlich, hüpfend, schwanzwedelnd und überhaupt.

ff: tun's doch die hund weg! ich mag keine hunde!

fk: macht nix. jetzt gehen's endlich runter vom gehsteig und lassen's die leut vorbei.

ff: ich such aber eine gasse.

fk: macht nix.

chor der fans aus dem hintergrund: sie, schleichen's ihnen, ich will mit dem kinderwagen/einkaufswagen/der oma mit dem rollator vorbei.

ff: gibt's eine tanbruckgasse?

fk: ja.

ff: kennen sie die?

fk: ja.

ff: wissen sie, wo die ist?

fk: ja.

ff: täten's mir vielleicht sagen, wo die ist?

fk: vielleicht.

ff: na, wissens jetzt wo die ist oder nicht?

fk: natürlich weiss ich wo die ist.

ff: und sagen sie mir das vielleicht?

fk: vielleicht.

ff: und wann endlich?

fk: wenn sie sich so geäussert haben, dass man erkennen kann dass sie im grunde genommen wissen wollen, wo die tanbruckgasse ist. und wenn sie bitte gesagt haben, wie jeder andere halbwegs zivilisierte mensch.

fp und timmy: hüpf - wedel - herumspring - schnofel ...

ff: ich mag keine hunde!

fk: macht nix. gehn's halt runter vom gehsteig und fahren's weiter.

ff: und wo ist jetzt bitte die tanbruckgasse?

fk und der chor der fans im hintergrund: nächste gasse rechts.

ff: oh. und das hat so lange gedauert?

mann aus der fangruppe: no, wonn se so deppat san doss net amoi frogn kennan noch dem, wos wissen woin, und donn no mitm foahradl auf'm gehsteig, se trampl, ...

ff: schnappt nach luft, will elegant über die gehsteigkante hinunterfahren, verheddert sich an der gehsteigkante, bleibt am mistkübel hängen, fällt auf's maul mitsamt dem fahrrad, mistkübel geht auf und entleert sich auf sie.

frau aus der fangruppe, die mit der oma mit rollator: gott ist gerecht.

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Sonntag, 29. Mai 2016
beruf: heiratsschwindler
vor kurzem sprachen ein lieber bekannter, der auch schon was erlebt hat im leben, und frau kelef über die aussichtslosigkeit vieler menschen, nach einer haftstrafe wieder in ein normales, bürgerliches leben zurückzufinden. und da fiel frau kelef die geschichte ein von dem mann der, als sie noch kunscht und künschtler vermittelte, eines tages ins büro kam.

so um die fünfzig, in massanzug und -hemd, goldene uhr, hornbrille, goldener ring, goldenes armband, elegante lederschuhe, manikürte pfoten. grüsst ordentlich, und möchte gerne wissen ob die geschätzte agentur denn auch leseabende und solche dinge veranstalten und organisieren tät, weil, er hätt ein buch geschrieben, hier bittesehr, fertig gedruckt und so, müsste man nur noch bewerben damit es gekauft wird.

es sei die geschichte seines lebens, denn er sei, bitteschön, von beruf sozusagen heiratsschwindler, sozusagen nicht nur sozusagen, sondern so richtig und in echt. dafür hätte er auch schon eine erkleckerliche anzahl von jahren im häfn verbracht, aber es sei ihm nicht wirklich was anderes übriggeblieben, sozusagen.

damals hatte gerade der heinz sobota den minus-mann geschrieben: http://diepresse.com/home/leben/mensch/3852456/Heinz-Sobota_Das-Bose-wohnt-im-Menschen, das buch und die geschichte waren wohl bekannt. den hätte er übrigens auch kennengelernt, das sei eigentlich auch kein schlechter mensch, aber das schicksal halt.

ihm sei es ähnlich ergangen, in der kindheit nix wie hieb, und mit 16 mitten während der lehrzeit hat ihn dann der vater rausgeschmissen, weil kein platz mehr geblieben sei in der wohnung, wie die kinder immer gewachsen und grösser geworden sind.

ein schöner bua sei er gewesen, aber dann so mit ohne wohnung war das mit der angefangenen lehre auch bald vorbei, wenn man keinen platz hat zum schlafen und waschen und zuwenig geld und so, da hätt er im sommer beim übernachten auf einer parkbank am gürtel ein paar leut' aus dem milieu kennengelernt, und ein paar damen hätten ihn angelernt und ihm geholfen, und er hätt halt ein bisserl aufgepasst auf die ausserdem.

und dann hätt er eine verheiratete frau kennengelernt, die hätt ihn gesponsert mit einem zimmer und ordentlichem gewand, aber viel zeit hat sie nicht gehabt wegen dem mann, und der hat ja eigentlich das geld gehabt. und dann hat er noch eine kennengelernt, das ging dann ganz gut. und dann eine dritte, das war schon anstrengend, aber na ja, von nix kommt ja auch nix.

können hätt er ja nix ausser gut ausschauen und hochdeutsch und sich ein bisserl benehmen, das hat er von den damen aus dem milieu gelernt, und pudern halt, also: den geschlechtsverkehr ausüben, lang, ausdauernd und in variationen, z.b., ...

ähem.

na ja, entschuldigen. war halt so. das einzige, was er können hätt. sonst nix. aber die drei frauen sind irgendwie dahintergekommen und haben sich zusammengetan und dann war schluss mit lustig. hat er sich notwendigerweise ein paar andere suchen müssen, für das überleben in der schnelligkeit, und dann hat er der einen und dann noch einer anderen versprochen, dass er sie heiratet, weil er dachte die lassen sich eh nie scheiden. war aber nicht so, die haben ihn geliebt, aber zwei kann man ja nicht heiraten, zumindest nicht gleichzeitig, und dann hat ihn die eine angezeigt und die andere auch, weil denen die geschiedenen ehemänner nix mehr gegeben haben wie sie auf die geschichte draufgekommen sind, und er hat den frauen ja erzählt gehabt, dass er eh geld hätt aber nur momentan gerade nicht, und das hätten die geglaubt, und so weiter. dann kamen gerichtsverhandlung und urteil und: häfn. was sonst.

nach ein paar jahren, wieder in freiheit, was hätt er bitte tun sollen? kein geld, keine wohnung, keine familie, keine freunde die unter "normalen" umständen gelebt und ihm helfen hätten können, und die massanzüge waren auch schon fast wieder unmodern. aber ausgschaut hat er immer noch ganz gut, und p... hat er immer noch können wie ein weltmeister, nur sonst hat er nix können. aber das hat gereicht für den anfang, erst für eine, dann noch für eine zweite und dritte geliebte. die zeiten damals musste man auch bedenken, so kurz nach dem krieg, viele männer waren nicht mehr so wie die frauen sie gekannt hatten, oder sie waren überhaupt nicht mehr nach hause gekommen, da waren schöne männer mangelware, und männer, die immer gut aufgelegt und charmant waren erst recht.

na ja, hat auf dauer natürlich auch nicht gutgehen können, also: wiederum häfn, dermal halt ein bisserl länger als beim ersten mal. von da an - wenn frau kelef sich recht erinnert - noch zwei- oder dreimal, kwasi in endlosschleife.

während des letzten aufenthaltes hinter schloss und riegel hätt er die geschichte seines lebens aufgeschrieben, ganz detailliert, und dann hätte ein lektor das gelesen und korrigiert, und ein verlag hätte das eben, bitteschön hier, auch gedruckt, alles schon bezahlt, man müssert es nur noch verkaufen und vorher also bekannt machen und bewerben und so.

wie lange er denn schon wieder an der frischen luft sei? erst ein jahr? puh - wie hätte das denn funktioniert, so mit buch und schreiben und lektorieren und verlag und drucken und ... bezahlen?

no, was wir denn glauberten? natürlich hätt er schon vom häfn aus annoncen beantwortet von alleinstehenden damen, also: mehreren, und sich dann überlegt wie und was. was anderes - ausser p... - könnert er ja nicht, weil ausbildung in seinem alter im häfn war fehlanzeige. und gearbeitet hätt er ja nie, was hätt er denn, bitteschön, tun sollen? in die kirche gehen und um ein wunder beten? aber er hätt gelernt aus seinen fehlern, die derzeitigen könnten sich nicht treffen, da seien immer ein paar hundert kilometer dazwischen, hauptsächlich finanzieren tät ihn aber die, die in wien lebert, und die tät er uns natürlich bei gelegenheit auch gerne vorstellen, das sei eine ganz feine und liebe, und gar nicht dumm. und die hätt er wirklich sehr gern, richtig verliebt sei er in die, in die anderen natürlich auch ein bisserl, aber die seien nur irgendwie schwer zum loswerden, so ganz genau selektieren hätt er aus dem knast heraus doch nicht können, und wirklich und bewusst kränken kann er eine frau eigentlich auch nicht. aber die eine, die wienerin, die hätt ihn sogar mit dem cabriolet abgeholt vor dem tor damals, deshalb sei er dann auch gleich bei ihr geblieben.

tatsächlich kam er dann auch eines tages mit ihr, und tatsächlich war das eine ganz liebe und nette. mit ordentlich geld, aber nun ja no na no ned. und sie hat ihm auch jedes wort geglaubt von seiner läuterung und dem streben nach einem anständigen weg im leben.

und da mit an sicherheit grenzender wahrscheinlichkeit alle hier erwähnten ausser frau kelef schon tot sind, kann man die geschichte wohl auch aufschreiben. erstens ist sie wirklich so passiert, und zweitens: was erwartet unsere justiz, unsere gesellschaft, unser system denn von vielen der menschen, die unter solchen oder ähnlichen umständen irgendwie auf eine bahn geraten sind, auf die sie ursprünglich gar nicht wollten? es kommt doch keiner mit zwanzig auf die idee, als berufswunsch heiratsschwindler anzugeben und das dann auch noch in die tat umzusetzen, oder?

manchmal allerdings liest man dann einen artikel der hochgepriesenen journaille, da beschleicht einen das gefühl den hat wer geschrieben, der von der realität so viel ahnung hat wie, pardon, eine kuh vom stricken: http://www.vienna.at/betrug-heiratsschwindler-arbeitete-als-freigaenger-bei-der-wiener-polizei/4736582

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Mittwoch, 25. Mai 2016
kindliche benehmitäten
die kugelrunden erstaunten bubenaugen vor ein paar stunden im supermarkt.

frau kelef schaufelt ihr zeug auf das laufband, nach ihr kommt ein vielleicht 6 jähriger mit den armen voller einkäufe. frau kelef schaufelt schneller, schiebt ihr zeug nach vorne, stellt den warentrenner auf und sagt zu dem kleinen: "bitte sehr!". der schaut frau kelef an, schnappt nach luft, sagt: "oh. danke schön, danke!" und legt sein zeug hin. als er an die reihe kommt sagt er "guten abend." die kassiererin und frau kelef kennen sich, schauen sich nach luft schnappend an. ist der kleine echt?

das geld hat er abgezählt in der hosentasche. zahlt, sagt dabei "bitte sehr.".

sagt frau kelef zu ihm: "und jetzt gehst du nach hause und erzählst, dass dich die leute hier gelobt haben, weil du so höflich warst. so sind nicht alle kinder!". die kassiererin nickt, sagt " ja, solche kinder sind ganz, ganz selten. aber du bist toll!"

bedankt der sich bei uns beiden, und strahlt dabei wie ein frischlackiertes riesenhutschpferd. und grüsst automatisch und ganz lieb beim gehen.

dann packt er seine einkäufe - sichtlich für die familie: brot, milch, milchbrot, paradeiser - in den korb seiner kinderfahrrades, das er, man glaubt es nicht, an einer ruhigen stelle im supermarkt geparkt hatte, mit aufgeklapptem ständer, nicht irgendwie hingeknallt wie üblich. und dann schiebt er das fahrrad vorsichtig bei der tür hinaus, wartet bis grün ist und schiebt auf dem zebrastreifen weiter und über den gehsteig ins irgendwo.

die kassiererin und frau kelef waren ganz perplex. dass man sowas noch erleben darf!

und nicht nur das: das war sowas von einem kind mit migrationshintergrund. vom aussehen her, und von der aussprache her. aber jo eh: alles eine frage des hintergrundes.

zwei stunden vorher war frau kelef der blumenhändler des vertauens über den weg gelaufen, aus ebendiesem supermarkt kommend, kwasi mit schaum vor dem mund. und der mann ist normalerweise die personifizierte ruhe.

"dass ich ein kleines kind anschrei, hätt' ich von mir nicht geglaubt!" zischt er, hochrot im gesicht. frau kelef fragt vorsichtig nach, bricht es aus ihm heraus: kind, vielleicht sechs jahre, mit den neuerdings im markt vorrätigen kleinen einkaufswagen im kreis düsend und allen kunden an die hacken knallend, schreiend, regale aus- und einräumend. er hatte, meinte er, eh nix gesagt und versucht, der kleinen bestie aus dem weg zu gehen. erst, als er seine einkäufe auf das warenband gelegt und der superduperzwerg alles wieder hinunterwarf, da wurde er deutlich. nur leider die mutter meinte, kinder seien halt so, er solle erst einmal selber welche kriegen und sich nicht so anstellen. wirklich kaputt sei ja nix, die paar flecken auf dem hinuntergefallenen obst ...

der mann hat zwei kinder, frau kelef kennt die, und die sind wirklich - obwohl im späten teenageralter - aber sowas von lieb und nett und überhaupt. trotz manchmal rosa oder lila haaren oder interessanten haarschnitten oder adjustierungen. kann man nicht meckern.

die kassiererin, meinte er, hätte nur die augen verdreht und sich entschuldigt und die zermantschte ware weggelegt und ihn gebeten, sich unversehrte zu holen (wer will schon aufgeplatzte avocados und zerdrücktes brot?). die mutter hätte weiterrandaliert über die kinderhasser, der zwerg hätte weiterrandaliert weil er gerade nicht aufhören wollte zu randalieren, er hätte bezahlt und müsse sich jetzt, entschuldigung vielmals, erst einmal beruhigen.

und nicht nur das: das war, meinte er, sowas von kind und mutter ohne migrationshintergrund. vom aussehen her, und von der aussprache her. aber jo eh: alles eine frage des hintergrundes.

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Samstag, 31. Oktober 2015
ja ne is klar.
frau kelef ist rassistin.

weil, nur das und nichts sonst kann der grund dafür sein dass frau kelef den pakistanischen buberln, die noch für kurze zeit im haus wohnen, ein "ich hab leider nix" auf "füffef odda fauref" entgegnete.

weiters ist es natürlich ein grund, dass die kinder nie und nimmer nicht grüssen (auch nicht zurückgrüssen), zu zweit so laut sind wie anderswo ein ganzer kindergarten nicht, und so weiter und so fort. sei den drei jahren, die die familie da wohnt. die eltern hingegen grüssen durchaus, weniger verbal sondern durch kopfneigen, aber sehr überzeugend und ergo akzeptabel. sind die eltern dabei, kriegen die jungs einen rüffel und sagen "hallo": geht also.

und das "ich hab leider nix" sagte frau kelef just in dem moment, da sie gerade genüsslich an einem stück kuchen kaute, als es an der tür klopfte und sie öffnete.

der vater kam nachfragen, mit händen und füssen: "weil kind laut und nix grüss?".

langsam und unter zuhilfenahme von zettel und bleistift konnte ihm dann aber doch verdeutlicht werden, dass es sich bei dem kuchenstück um - der geneigte leser errät es möglicherhalber vorab - grammelkuchen handelte. sehr köstlich, mit hausgemachter ribiselmarmelad, vom bauernmarkt. grammeln macht man aus schweinespeck, für alle, die es noch nicht wissen. und dann erklären wir das einmal jemandem, der noch nicht einmal auf deutsch ordentlich grüssen kann, nach drei jahren die er mindestens, weil hier im haus, in wien wohnt.

da frau kelef der mutter der unlieblichen knäblein schon mehrfach zugeschaut hat, wie sie im supermarkt um die ecke aussschliesslich halal-ausgezeichnete produkte kaufte, resp. sie sehr oft im türkischen supermarkt ein stück weit weg einkauft, konnte also nur abschlägiger bescheid erteilt werden. alternativ wären allerdings rum-pflaumen oder mon cheri im angebot gewesen. die buben sind vielleicht 6 und 8 jahre alt, und: halal ist das zeug mit sicherheit auch nicht ...

der vater wurde beim erklären übrigens abwechselnd rot und blass, und bedankte sich dann fürs mitdenken.

man kann sich das leben auch unnötig kompliziert machen, oder einfach in irgendwas irgendwas hineininterpretieren.

so wird das nix mit der integration. aber immerhin: der pakistani hat es jetzt verstanden, und den zettel mitgenommen für seine frau, oder wen auch immer, er hat jedenfalls mit dem zeigefinger nach oben gedeutet als er mit gesten danach fragte, ob er den zettel mit den zeichnungen mitnehmen dürfe.

vielleicht erzählt er die geschichte ja auch anderen, und die verstehen das dann auch. hoffentlich.

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Samstag, 24. Oktober 2015
flüchtlingsfindelkind
frau pixy ist ein guter hund, und wenn sie meint, dass irgendwas nicht so ist wie es sein soll, dann hat sie ganz oft recht.

so zum beispiel, wenn sie bei der nachtrunde jemanden im dunkeln sitzen sieht. besonders, wenn diese person auf dem boden ums eck von einer auffangeinrichtung für unbegleitete kinder und jugendliche ist, zum beispiel. und ganz besonders dann, wenn sie weiss, dass sowohl sie als auch ich dort vor ein paar monaten von einer ratte attackiert und gebissen worden sind, weil ein paar irre dort heimlich die vogerln füttern.

gestern abend also konnte sie nicht umhin mich auf eine schmächtige person aufmerksam zu machen: schau, frauli, hüpf-spring, schau, hingehen, was tun, jetzt, gleich!

ihr wunsch war frau kelef befehl. ein vielleicht 14- oder 15jähriger, leicht frierend in eine decke gewickelt, mit einem kleinen rucksack im arm an den er sich klammerte. nein, deutsch konnte er nicht, schaut uns an, verzieht keine miene, frau pixy stösst ihn sanft, dann versucht frau kelef es auf englisch. no, you cannot help me, thank you asking, sagt er, und streichelt vorsichtig und sehr zart die aufgeregte kleine frau pixy.

irgendwie sollte er dann doch wohl besser vom feuchtkalten boden aufstehen, es nieselt, frau kelef deutet ihm, er soll mitkommen, wieder in das haus hinein. no, not good for me.

an einer eiskalten hand nehmen und führen ging dann doch, tür auf, hinein, er deutet in den ersten stock, schüttelt aber den kopf: not good for me.

müssen wir aber doch versuchen, oben sind licht und wärme und menschen und vermutlich auch betten oder sowas und was zum essen.

frau pixy kriegt "voraus" bedeutet, und wie sie so über die stiege hoppelt muss er dann doch ein wenig lächeln, ihre ohrspitzen hüpfen ja immer noch mehr als sie selber, das schaut einfach lustig aus.

an der tür empfangen uns zwei offensichtliche betreuer mit einem "gott sei dank" und lotsen uns herein, ein paar kinder und jugendliche kommen neugierig um die ecken des langen vorraumes aus verschiedenen zimmern, und gleich will unser findelkind wieder hinaus, wir hindern ihn mit sanfter gewalt daran.

leider kein dolmetscher vorhanden, erst am nächsten tag, er komme, sagt er mir, aus afghanistan, nur sein kleiner bruder sei mit ihm hier, der kommt auch und kümmert sich um ihn und redet ihm ganz lieb zu, schön zu sehen, auch wenn man nix versteht.

in der zwischenzeit hat sich die nachricht von frau pixys anwesenheit wie ein lauffeuer verbreitet, und schon sehen wir uns in einem pulk von ganz vielen meist kleinen personen, meist schon bettfein in pyjamas, teils mit noch nassen haaren, einige haben offenbar sogar das zähneputzen unterbrochen, sie halten noch die zahnbürsten in der hand.

nach anfänglichen schwierigkeiten, allen klarzumachen dass frau pixy ein gar freundliches tier ist, nehme ich ihr das geschirr ab und lasse sie frei, sie bleibt sowieso in sichtweite.

und dann kannstedirnichtvorstellen was für ein babylonisches stimmengewirr da plötzlich herrschte, wie viel lachen und fragen und erklären und übersetzen und hund knuddeln und streicheln und zeigen, auch ein paar der kinder haben böse verletzungen und narben. ein älterer fragt mich, wieso ich so einen hund habe, was genau passiert ist, er kann ganz gut englisch und übersetzt den anderen, die dann teilweise für wieder andere in wieder andere sprachen übersetzen, vielleicht so 25 wuselten da um uns herum. und je klarer allen wurde, dass es sich beim steifen ellbogen des hundes praktisch um eine "kriegsverletzung" und keinen unfall handelt, desto mehr wird frau pixy gestreichelt und geknuddelt. und sie geniesst diese aufmerksamkeit sichtlich. zwei buben zeigen mir auch ihre narben, ja, da war krieg wo sie herkommen, übersetzt ein älterer ins englische, sie sind nicht verwandt, die zwei, aber mit irgendwelchen gemeinsamen verwandten gekommen, zumindest bis hierher, wo diese verwandten jetzt sind? achselzucken, und ein zucken um die mundwinkel ...

frau kelef also erklärt, dass sie frau pixy schon so übernommen hat, mit dem steifen ellbogen. warum ausgerechnet einen behinderten hund, waren da keine gesunden? doch, aber frau pixy ist nett, deshalb. und innerlich ist sie sowieso makellos, und das ist doch das wichtigste. ein paar verstehen das nicht. weil sie nett ist? nur, weil sie nett ist? ja, und weil sie ein guter hund ist.

die betreuer lachen mit, unser findelkind entspannt sich langsam, er lehnt aber immer noch vorsichtig an der wand neben dem eingang, sein kleiner bruder redet beruhigend auf ihn ein, und frau kelef beschliesst, solange bis er sich niedergesetzt hat, wo auch immer, bleibt sie da.

frau pixy derweilen spielt völkerverständigung und versteht "sitz" und "gib die kranke hand" in der zwischenzeit auch auf afghanisch, farsi und noch ein paar sprachen. merke auch: man kann nie genug karamelkekse in der tasche mit sich tragen. die haben eindeutig völkerverbindende wirkung.

die betreuer erzählen mir, dass jeden tag wer anderer hier ist als betreuung, sie wissen meist nicht wie lange die kinder und jugendlichen auf der "station" bleiben, die ist offen und jeder kann kommen und gehen wie er will, manche kommen freiwillig irgendwoher, manche werden von der polizei aufgegriffen und hier abgeliefert bis sie in irgendeiner jugendinstitution untergebracht oder von den erziehungsberechtigten abgeholt werden.

dolmetscher gibt es nur stundenweise, wenn man denn einen findet der zeit hat, und natürlich nicht für den ganzen tag und für alle sprachen. einige der betreuer haben daher die wichtigsten vokabel und sätze in ein paar sprachen gelernt, eigeninitiative, nein, staatliche unterstützung gibt es da nicht, aber es nutzt ja nix, irgendwie muss man doch kommunizieren, nur füttern und ein dach über dem kopf ist zu wenig. anstrengend ist das, und manchmal fast nicht auszuhalten weil man nicht genug tun kann für die kinder, man fängt sie auf für ein paar stunden oder tage, und dann muss man sie wieder gehen lassen und verliert sie aus den augen, notwendigerweise, das zehrt an der substanz der betreuenden, manche halten das nur kurze zeit aus, manche halt länger, aber es kostet so unglaublich viel kraft einerseits und zurückhaltung andererseits. und manchmal versteht die eigene familie nicht, in was für einem zustand man da nach hause kommt, wenn man stundenlang hilflos neben z.b. so einem findelkind steht, und nicht einmal fragen kann was genau los ist, und wie man ihm helfen kann.

frau kelef kriegt dann auch noch einen kaffee, einen ordentlichen starken schwarzen, wir rauchen eine zigarette, das findelkind hat sich endlich entspannt und auf den boden gesetzt, immer noch in türnähe, wenn er wieder davonläuft, dann können und dürfen sie ihn nicht aufhalten, sagen die betreuer.

will you stay here, do you promise? okay, sagt er.
good luck, sag ich. und dann streichelt er frau pixy noch einmal und wir gehen durch das finstere stiegenhaus hinaus in den regen und die kühle nacht.

kriegt man lange nicht aus dem kopf, sowas.

NACHTRAG: er ist auf der station geblieben. hat sich geduscht und in das bett neben seinem bruder gelegt und sich ausgeschlafen. am vormittag war auch ein passender dolmetscher mit genügend zeit da. ich weiss jetzt nicht nur, wie das findelkind heisst, sondern kann seinen namen auch aussprechen. was los war? nun, er kann mit der situation nicht umgehen, wen wundert es. die eltern sind tot, onkel und tante haben sie mitgenommen und irgendwie weiss jetzt niemand, wo die sind, weil sie in verschiedene unterbringungen gesteckt wurden. es wuchs ihm über den kopf: dass die verwandten weg sind, er sich nicht um seinen kleinen bruder kümmern kann und darf wie er will/soll, dass man ihm ganz andere dinge erzählt hat vom gelobten land, dass hier alles anders ist als er es kennt, und dass er immer noch von dem was, er erlebt hat, träumt und dann ganz viel angst hat. nachmittags beim fussballspielen ist ihm das alles irgendwie aufgestossen, und dann wollte er nicht mehr, oder wusste nicht was er wollte oder wollen sollte. er ist 14, sein kleiner bruder 8. wo man die zwei hingebracht hat konnten mir die neuen betreuer leider nicht sagen.

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Samstag, 21. Dezember 2013
ganz und gar keine Weihnachtsgeschichte VI/VI
Die Schwester schluchzte und bekam vor lauter Reden und Weinen keine Luft, sie erzählte mir im Prinzip das, was ich schon wusste – ausgenommen natürlich die merkwürdigen Anschuldigungen gegen mich resp. uns. Immerhin aber: alle hatten ihren Bruder betrogen, und ihm für die ganzen wertvollen Dinge nix gegeben, alle hätten sich bereichert, und so weiter und so fort. Ausgerechnet ich, merkte ich vorsichtig an, sicher nicht, ich hab weder wie die T. gestorben ist noch wie der S. die Wohnung aufgelöst hat auch nur ein einziges Ding auch nur als Andenken haben wollen. Ja, meinte sie, das könnte ich ja leicht so sagen, das sei sicher ganz anders, aber auf jeden Fall verstehe sie das alles nicht, der S. sei doch ganz normal gewesen, als sie ihn zu der Pilzsauce mit Knödel eingeladen habe, er habe sich gefreut, und nur von Montag auf Dienstag verschoben, eben weil er zur Hausverwaltung wollte. Weswegen, wusste sie auch nicht.

Ob ich dort anrufen solle? Nein, das mache sie schon selber – war mir auch lieber, irgendwie, denn die Sache mit den beiden vollgefüllten Räumen dort war mir doch ein wenig unheimlich, und man sticht ja nicht gerne in Wespennester. Ich sagte ihr also, sie solle, wenn sie bei der Hausverwaltung anrufen sollte, daran denken dass da noch Sachen – ja, sagte sie, sie werde einen Kasten kaufen und alles, was dort und in der Wohnung sei, hineintun, das habe ihr Bruder aufheben wollen, das werde sie alles in Ehren halten. Ob ich was tun könnte? Nein, meinte sie, sie habe mir das nur sagen wollen weil sie wusste, dass die Katzen und die Vögel jetzt allein seien. Ich bedankte mich also, bedauerte und sagte, was man so sagt und was sowieso völlig sinnlos ist in so einer Situation.

Den Rest der Tage in Berlin verbrachten meine liebe Tochter und ich irgendwie ziemlich ferngesteuert. Frau Creezy kümmerte sich wohl sehr liebevoll um uns, aber was kann man in so einer Situation schon sagen oder tun? Wir trafen auch Frau Indica, und das war ganz formidabel, und wir machten auch ein wenig Stadtbesichtigung und so, aber je nun.

Samstags fuhren wir zurück, am Montag rief ich die Schwester an, und die blaffte mich an wie eine Irre, wie die Aasgeier kämen die Leute, und was ich denn wollte von ihr, das sei doch alles … Sie, sagte ich, ich will nix weiter als meine Wohnungsschlüssel, bitteschön, und das ist ja wohl verständlich. Wieso ich die von ihr wolle, die seien bei der Polizei. Sei mir auch recht, bei welcher Polizei bitte. Wisse sie jetzt auch nicht, und sie könne jetzt auch ganz schlecht reden, ich solle in ein paar Minuten wieder anrufen. Gesagt, getan. Wie die Aasgeier, und überhaupt, das sei doch, was ich denn von ihr wolle: na, immer noch meine Wohnungsschlüssel. Ja, die seien aber bei der Notarin. Auch gut, bei welcher bitte. Ich solle in ein paar Minuten noch einmal anrufen, da müsse sie erst nachschauen. Nach ein paar Minuten waren die Wohnungsschlüssel dann doch bei ihr, ein Nummernvergleich bestätigte das. Ich würde die dann bitte gerne wiederhaben. Irgendwann nächste Woche, meinte die G., nein, jetzt sozusagen, meinte ich. Wir konnten uns dann darauf einigen, dass ich eine Stunde später zu ihr kommen könne. Machte ich auch – zehn Minuten zu Fuß. Und dann läute ich, und sie macht die Türe auf, und sieht aus wie die junge T., nur mit weißen Haaren. Ich dachte, mich trifft der Schlag. Die Größe, die Frisur, die Backenknochen, die dunklen Augen, die braungebrannte Haut (nur wäre die T. nie in ein Solarium gegangen, die legte sich in die Sonne oder sie war eben blass).

Wie die Aasgeier sind alle, alle kommen und wollen was haben, was ich denn noch alles wolle, schrie mich die G., mit den Sauerstoffschläuchen in der Nase, an. Meine Wohnungsschlüssel, hier bitte: meine Zweitexemplare zum Nummernvergleich, danke vielmals. Unterschreiben tu ich auch gerne: habe meine Wohnungsschlüssel wieder erhalten. Sie wolle aber noch mit mir reden, was denn nun geschehen sei, sie verstehe das alles nicht, der S. sei doch so normal gewesen und habe sich so auf ihre Pilzsauce mit Knödeln gefreut, gesundheitlich sei es ihm auch wieder gut gegangen, das starke Cortison habe ihm genauso gut geholfen wir ihr auch immer, und dann das. Ja, ich wüsste auch nicht mehr, sagte ich. Jedenfalls, das sei alles nicht mit rechten Dingen zugegangen, der S. hätte viel mehr bekommen müssen, was für Leute ich denn da … Sie, sagte ich, die Leute mit denen ich beim S. gewesen bin haben ihm zu wenig geboten für die Dinge, von denen er sich trennen wollte, ein paar Dinge hätte man wohl schätzen lassen können, aber die wollte er behalten. Ob ich eigentlich wüsste, was die Bücher alle gekostet hätten, und die Möbel, und das Geschirr, das hätten sicher alle gerne. Sie, sagte ich, ich HAB Geschirr, zum Kochen, zum Essen, und Besteck und Gläser, was soll denn das? Ja, aber das war alles so wertvoll, und jetzt … wie die Aasgeier, jeder will was. Ich war ein wenig verstört. Was war da los? Sie sei so krank, ich sehe doch, da hinge sie am Sauerstoff, und kriege trotzdem keine Luft. Na ja, das ist schlimm, das ist schon klar, aber … Und wo überhaupt sei denn das ganze Gewand von der T. hingekommen, da sei doch so viel dagewesen, habe der S. gesagt, und Koffer, und überhaupt so viele Sachen. Die T., sagte ich, ist seit bald fünf Jahren tot, und was bitte hätte ich wohl mit Kleidungsstücken der T. machen sollen, die war so groß wie sie, also rund 15 cm kleiner als ich! Eben, meinte die G.. Ich war noch verstörter, aber immerhin wusste ich, dass die Schwester der T. aus Kärnten, also die, von der damals auch viele Kinderkleider gekommen waren, die genannten Koffer mit Dingen, die sie haben wollte, mitgenommen hatte – zumindest hatte mir der S. das so erzählt. Ob ich von der in Kärnten eine Adresse hätte – nein, hatte ich nicht. Wie die Aasgeier, und was ich denn … Sie, sagte ich, noch einmal: ich wollte nix, ich will nix, ich bin wegen meiner Wohnungsschlüssel gekommen, wenn ich ihnen helfen kann sagen sie mir das, sonst geh ich jetzt. Und das wolle sie mir nur gesagt haben, sie werde alles von ihrem Bruder aufheben, schrie sie, alles, nix werde sie hergeben. Konnte ich mir dann doch nicht verkneifen sie darauf aufmerksam zu machen, dass sie gerade über in Summe 450 wohlgefüllte Bananenkartons entschied; das, meinte sie, komme nur daher dass ich ihr das nicht vergönne.

Eigentlich sei mir das alles egal, sie solle nur vorsichtig sein denn da seien ja auch noch die Kreditschulden, und wenn sie das eine annähme dann hätte sie möglicherweise – da würde ich mich nicht auskennen, meinte sie, so ein Kredit sei ja versichert, das habe damit nichts zu tun. Na denn. Ich verabschiedete mich also.

Und dann hatte ich da ja eigentlich die Bestätigung für das, was mir so latent im Hinterkopf geschlummert hatte, und was wir schon in Berlin geargwöhnt hatten, und Frau Creezy aus dem Stegreif diagnostiziert hatte als wir ihr von dem merkwürdigen Verhalten des S. erzählt hatten: ein Psychose-Schub. Im vorliegenden Fall – meinen unmaßgeblichen medizinischen Kenntnissen zufolge – auf die hohen Cortison-Dosen zurückzuführen. Denn dass psychische Erkrankungen und Cortison nicht zusammenpassen, ebenso wie Cortison und starke psychische Belastungen, das ist ja nun wirklich sattsam bekannt.

Also ruf ich, brav wie ich bin und das gelernt hab, den behandelnden Lungenfacharzt an und erzähle ihm kurz dass sich sein Patient S. X. in der Woche davor erhängt habe. Warum ich ihm das erzähle, fragt mich der allen Ernstes. Also noch mal von vorne: Patient sowieso, geboren am sowieso, jaja, sagt der Herr Dr., der hat Cortison schon ziemlich hochdosiert bekommen. Und hat er ihnen erzählt, wieso es ihm so schlecht geht? Ja, meint der Herr Dr., Frau gestorben, und jetzt die Sache mit der Wohnung. Und was wollen sie jetzt von mir? Soll ich ihnen eine Adresse geben von Leuten mit denen sie sprechen können? Nein, eigentlich wollte ich, dass der Herr Dr. eine Nebenwirkungsmeldung macht. Wozu, schwere psychotische Schübe bei hohen Cortisondosen seien doch ohnedies bekannt. SIE! Der Mann hat sich umgebracht, Psychose und Suizid innerhalb von nicht einmal 36 Stunden! Und im Übrigen sei die Schwester des betreffenden Patienten, die Frau G., auch bei ihm in Behandlung, das Asthma sei ja genetisch bedingt, und sie bekomme ebenfalls hochdosiertes Cortison, sei zu Recht traumatisiert und reagiere doch höchst aggressiv und unlogisch, vielleicht sollte man auf die Dame ein Auge haben. Und da sagt der Dr. drauf: Na gut, wenn es sie beruhigt, dann mache ich mir eine Aktennotiz. Nein, sag ich, sie müssen eine Meldung an die AGES machen. Wo das denn stünde, fragt mich der Dr. allen Ernstes. Und, wie der Teufel es haben will, wusste ich nicht nur dass das im Arzneimittelgesetz steht, sondern auch noch in welchem Paragraphen. Dann werde er das halt machen, man werde ja sehen was die AGES dazu sagt.

Natürlich hat der Herr Dr. keine Meldung an die AGES gemacht, ich habe das höchst gewissenhaft überprüft, und es dann eben selber erledigt. Geht höchst unkompliziert und online. Und tatsächlich ist die AGES dann ebenso sauer gewesen wie ich, aus ganz genau den gleichen Gründen. Denn ja, es ist bekannt dass sowas passiert, und das war ja auch der Grund warum ich dem S. siebenhundertdrölfzig Mal aufgetragen habe, dem Herrn Facharzt genau zu sagen warum und wieso und weshalb, und das hat der S. ja ganz offensichtlich auch brav gemacht. Und wie, ganz nebenbei, glaubt so ein Facharzt, kommen die Nebenwirkungen mitsamt den Häufigkeitsangaben in die Beipackzettel? Der Frau Apothekerin hier habe ich die Geschichte kurz erzählt, die schaute mich an und meinte: Oh. Die Schuld gehört dem Herrn Dr. aber ganz alleine. Die AGES war ja nicht ganz so deutlich, aber doch.

Was bleibt, sind trotz allem die Selbstvorwürfe. Was tut man in so einem Fall wirklich? Der Freund meiner Tochter hat versucht, den S. zu treffen, damit er ihn im Zweifelsfall zu einem Arzt resp. in ein Krankenhaus bringen kann, er hat versucht ihn in seiner Wohnung zu finden, in der Umgebung Ausschau gehalten, er hat getan was er konnte. Wir haben versucht ihn telefonisch zu erreichen. Wenn ein Mensch zusagt, dass er kommt, und dann kommt er nicht, muss man tatsächlich immer sofort das Schlimmste befürchten? Muss man kontrollieren, ob jemand, der verwirrte Vorwürfe macht, tatsächlich bei der Schwester zum Essen erscheint, besonders, wenn man weder die Schwester noch deren Namen und Adresse kennt? Die Türe aufbrechen lassen um zu schauen ob der Mensch da ist, aber mit welcher Begründung, und was dann? Die Polizei rufen, und der was erzählen? Dass jemand verwirrt geredet hat, und man jetzt nicht weiß wo er ist? Die Polizei hat mir gesagt, sie kommen nur bei Gefahr in Verzug, also wenn jemand an Leib und Leben gefährdet ist – kann man das nach Telefonaten, in denen keinerlei Drohung ausgesprochen wurde, sagen? Kann man von drohender Suizidalität ausgehen, wenn jemand sagt, dass er eine Woche später mit einem über dies und jenes ernsthaft reden will? Muss man in so einem Fall zur Sicherheit des Patienten lügen und sagen, er habe einen mit dem Umbringen bedroht, oder mit dem Abfackeln von Häusern, oder der Sprengung des Parlaments?

Und wenn man den Menschen nicht findet, und man geht zur Polizei und erzählt denen, dass da was passiert sein könnte? Suchen die den dann? Mit Personsbeschreibung: ca. 50 Jahre alt, 175 cm groß, braune Augen, längere gelockte braune Haare, sehr schlank, Kleidung unbekannt, trägt wahrscheinlich eine Kappe und eine Umhängetasche oder eine andere Tasche? Ist vermutlich irgendwo in Wien unterwegs?

Die Rettung kommt nur, wenn ein Arzt sie ruft und sicherlich kein Verdacht auf Fremdverschulden vorliegt, ansonsten: Polizei. Und die ruft dann, wenn sie es für angebracht hält, die Rettung. Wie erklärt man einem Polizisten, dass die – sogar wenn wir den S. erwischen und festhalten hätten können – für einen Unbeteiligten nicht unlogisch klingenden Vorwürfe reine Hirngespinste sind, und vermutlich auf medikamentösen Einfluss zurückzuführen sind – denn Alkohol hat der S. ja nie getrunken, und „genommen“ hat er nur die Medikamente, die ihm der Arzt verschrieben hat, sonst mit Sicherheit nichts. Und wie kann man dann in der gebotenen Schnelligkeit nicht nur die Polizei, sondern auch die möglicherweise doch herbeigerufenen Rettungsärzte davon überzeugen, dass da was nicht stimmt? Und dann muss man das dem Rettungsarzt – der womöglich nur ein Sanitäter ist – so erklären, dass der das dann im Krankenhaus auch der Aufnahme und diese das dann dem Arzt erklären kann, denn als Nicht-Angehöriger darf man den Patienten ja nicht begleiten. Würde der Patient – wohlgemerkt, in diesem psychischen Ausnahmezustand – auch willig mit der Rettung mitfahren und dort nach dem ganzen Prozedere, das bekanntlich Stunden in Anspruch nehmen kann, dem Arzt wahrheitsgemäß alle zur Beurteilung der Situation notwendigen Angaben, in diesem Fall die halbe Lebensgeschichte, erzählen, und würde der Arzt die richtigen Schlüsse daraus ziehen? Wäre es möglich gewesen, meinen zu diesem Zeitpunkt bestehenden Verdacht per Telefon einem Arzt so plausibel zu machen, dass dieser die entsprechenden Untersuchungen gemacht hätte? Und wie hätte ich diesen Arzt wohl erreichen können?

Was bleibt, sind die Vorwürfe, die man sich macht. Und die Fragen nach dem, was man übersehen hat, was man – in diesem Fall ganz eindeutig ich – hätte tun können, sollen, müssen.


Am 24.12.2013 hätte der S. seinen 51. Geburtstag gefeiert.

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ganz und gar keine Weihnachtsgeschichte V/VI
Es ging dann alles über die Bühne, die Küche wechselte den Besitzer tatsächlich über Ebay, der S. bekam auch Geld dafür: dreihundert Euro netto. Allerdings wollte die Hausverwaltung dann in der Wohnung den im Mietvertrag beinhalteten Gasherd und die Abwasch wieder haben – dass da kein Gasanschluss mehr war, interessierte niemanden. Dass die Stromleitungen allesamt den neuesten Anforderungen entsprachen, übrigens auch nicht. Der S. ließ also einen Gasherd und eine Abwasch hinstellen, ausgemalt wurde auch. Ein paar Gegenstände konnte er verkaufen, aber weit unter seinen Vorstellungen.

Mit den Schallplatten und dem S. war der Freund meiner Tochter zu einem vertrauenswürdigen Händler gefahren, der für alle Platten zusammen weniger bot als der Freund meiner Tochter für einen kleinen Stapel geboten hatte. Da nahm der S. die Schallplatten wieder mit nach Hause. Der Freund der Tochter meinte damals, der S. sei der traurigste Mensch, den er je kennengelernt habe.

Ein anderer Freund hatte das alles auch nicht mit ansehen können und kaufte dem S. ein paar Sachen ab, die er eigentlich nicht brauchte.

Und so weiter.

Leider hatte der S. auch einen Kredit von der T. übernommen im Zuge der Erbschaft, und durch die ganze finanzielle Misere war da eine gröbere Summe offen, aber wenn wir so nachrechneten, dann sollte sich das jetzt alles ganz gut in einem überschaubaren Zeitrahmen erledigen lassen. Die T., sagte er, hätte ihm ohnehin aufgeschrieben dass er mit allen Erledigungen zu mir kommen solle, ich würde ihn sicher gut beraten, aber er habe mich nicht belästigen wollen, und jetzt – ach geh, sagte ich, passt schon, jetzt kriegen wir das auch noch auf die Reihe.

Immer wieder redete ich dem S. zu, er solle zum Arzt gehen, er werde immer weniger. Ich kannte ihn ja lange genug, er war immer dürr, aber da hatte er wohl nur mehr etwas über die 40 Kilo. Wir trafen uns oft, im Sommer sitz ich gerne am Abend in einem Schanigarten herum, der S. war eine angenehme Gesellschaft, und vertrug sich mit jedem. Und wenn ich zwanzigmal sagte, S., iss was und trink was, dann tat er das auch brav. Denn mit dem Trinken hatte der S. es nicht so, da hatte die T. schon immer geschimpft: dem reichen an Flüssigkeit fünf große Mokka am Tag. Der S. war auch – wenn er Luft bekam – für seine Verhältnisse richtig gesprächig geworden: ich sei ja der einzige Mensch, mit dem er noch über die T. reden könnte, zu seiner Verwandtschaft war ihr Verhältnis nicht so gut gewesen, und ab einem gewissen Alter werden die Menschen um einen immer weniger, Kontakte verfliegen sich, es war niemand mehr da der die T. so lange gekannt hatte wie ich.

Ende September hat der S. die Wohnung übergeben. Es schien ihm ein Stein vom Herzen gefallen zu sein. Er würde jetzt, meinte er, seine neue Wohnung fertig basteln und dann Zug um Zug die Sachen aus den Zwischenlagern übersiedeln, und sich dann zumindest von alten Zeitschriften etc. trennen. Es müsse doch weitergehen. Ob ich ihm dann ein wenig Kochen beibringen könnte? Und ihm wieder so Geselchtes und Würstl vom Land besorgen? Klar, machen wir, meinte ich. Überhaupt wolle er jetzt wieder auf seine Gesundheit schauen, beim Arzt sei er schon gewesen, es ginge ihm besser. Infusionen habe er bekommen, und Tabletten, und Luft kriege er auch wieder. Hast ihm alles erzählt, fragte ich, ja, sagte er, alles, auch von der Wohnung und der Anstrengung und dass mich das schon sehr belastet. Er habe wieder Medikamente verschrieben bekommen, und er sah auch tatsächlich besser aus. Und ja, versicherte er mir noch einmal, er habe dem Arzt alles erzählt.

Ein bisserl Beschäftigung hatte ich auch wieder für ihn in Aussicht – nix Anstrengendes, mehr so Anwesenheitsdienst, aber fünf Minuten von seiner Wohnung entfernt, und nur was für wirklich verlässliche Leute. Das freute den S., nix tun sei ja nicht so seines, aber können und wollen sind halt manchmal verschieden.

Er hatte im Sommer die Katzen und Pflanzen meiner Tochter versorgt, mit Tieren konnte der S. immer gut, sogar Dat Julchen, bekannt als: „sie kenn ich nicht, mit ihnen sprech ich nicht“ kam immer zu ihm auf den Schoss und knutschte. Und von Pflanzen verstand er unglaublich viel.

Nun hatte mir meine liebe Tochter zum 60. Geburtstag einen Ausflug nach Berlin geschenkt, und was lag also näher als den S. zu fragen ob er wohl eine Woche lang Katzen und Piepkis füttern und tränken könnte? Er wohnte ja jetzt nur fünf Minuten entfernt. Klar, mach ich gerne, das weißt du doch, meinte er. Am Samstagabend kam er also, die Wohnung kannte er sowieso, ich erklärte ihm nochmal alles, wir tratschten über Gebühr lang, ich gab ihm noch ein Fresspaket mit und begleitete ihn bis vor seine Haustür, Frau Pixy musste ja auch noch einmal runter. Frau Pixy war – wie alle Tiere – ganz fest mit dem S. befreundet, und das bis-nach-Hause-begleiten machte sie ganz von selber: sie wusste genau, wo ihr Freund wohnt und hoppelte rücksichtsvoll ein wenig langsamer als sonst. Bringt viele Fotos mit, sagte der S. zum Abschied, ich freu mich schon wenn ihr mir alles erzählt.

Am 13.10., Sonntag früh, fuhren wir also los, nachmittags rief der S. an, ob ich sicher sei dass er alle Lampen brennen lassen solle, der Strom – S., sagte ich, das sind alles Sparlampen, das telefonieren kostet mehr als der Strom. Okay, sagte er.

Sonntagabend waren wir in Dresden, trafen eine Dame aus dem Internetz, und hatten einen lustigen Abend. Am Montag gondelten wir durch die Niederlausitz, kauften ein paar Orchideen und Tillandsien, auch für den S., tranken Kaffee in Cottbus, schauten uns Eisenhüttenstadt „30 Jahre danach“ an, und schlugen am Abend in Berlin auf.

Am 15.10., am späten Dienstagvormittag, läutete das Telefon, S., etwas verwirrt, wie es schien, seine Schwester habe ihm gesagt wir hätten ihn alle nur betrügen und über den Tisch ziehen wollen, das sei uns auch gelungen, habe seine Schwester gesagt, er hätte für alles viel mehr bekommen müssen, das sei reine Abzocke gewesen, blablabla. S., sagte ich, denk einmal nach mit wem du redest, die Leute die du ausgesucht hast hat dir deine Schwägerin geschickt, ich kenn die noch nicht einmal! Das ging so eine Weile hin und her, und dann sprach er mit meiner Tochter, und wir waren einigermaßen entsetzt, so kannten wir ihn nicht. Ich rief ihn dann noch einmal an, irgendwie hatte ihm seine Schwester ein Prepaid-Handy gegeben, also rief er von dem einen Gerät an, ich ihn auf dem anderen zurück, das war ein wenig chaotisch, ich beruhigte ihn dann, wir würden über das alles sprechen wenn ich wieder in Wien sei, gerne auch mit seiner Schwester.

Auch den Freund meiner Tochter rief er im Laufe des Tages mehrfach an, fragte, ob er ihn zu einem Termin bei der Hausverwaltung begleiten könne, da könne er einen Zeugen gut gebrauchen, dann wollte er sich Geld ausborgen, erst 200, dann 400 Euro, der Freund der Tochter hatte in der Zwischenzeit mit uns telefoniert, und sagte zu allem ja damit er des S. habhaft werden und weiter entscheiden könnte. Er lud ihn auch zum Essen ein – aber der S. meldete sich nicht mehr. In der Nacht verschickte der S. dann zwei leere SMS, eine an den Freund meiner Tochter, eine an den Freund, der ihm eben ein paar Sachen abgekauft hatte.

Der S. hatte mir gesagt, am Abend gehe er zu seiner Schwester, die habe ihn zu einer Pilzsauce mit Knödel eingeladen. Dass er da nicht mit uns telefonieren wollte oder konnte, war klar, dass der S. sich allerdings beim Freund meiner Tochter nicht mehr gemeldet hatte war bedenklich, aber andererseits hatte sich die T. schon immer darüber aufgeregt dass man mit dem S. nicht streiten konnte: der ging einfach fort, schlief bei seiner Schwester oder seinem Bruder, und meldete sich ein paar Tage lang nicht.

Am 16.10., Mittwoch, versuchte ich den S. zu erreichen: er hob nicht ab. Der Freund meiner Tochter versuchte ihn ebenfalls zu erreichen: nix. Er fuhr in meine Wohnung, offensichtlich waren die Viecher versorgt, soweit also alles im grünen Bereich. Er schaute in der Umgebung herum: nix. Den letzten Versuch, den der Freund noch machte, war, in das Haus zu gehen in dem der S. wohnte, und zu sehen ob er ihn dort antreffen könnte. Stock und Türnummer wusste er nicht mehr, aber man würde, so dachte er, ein Telefon klingeln hören: nix. Im Stiegenhaus war eine Polizistin, die den Namen des S. nicht kannte, und sich überhaupt sehr gelassen und unaufgeregt präsentierte.

Am 17.10., Donnerstagvormittag, rief mich G., die Schwester des S., an, und sagte mir dass der S. am Dienstagabend nicht essen gekommen sei, deshalb sei ihr Mann am Mittwochnachmittag zur Wohnung gegangen, habe mit dem Zweitschlüssel geöffnet, und den S. erhängt in der Küche gefunden.

tbc.

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Freitag, 20. Dezember 2013
ganz und gar keine Weihnachtsgeschichte IV/VI
Es ging dann alles über die Bühne, die Küche wechselte den Besitzer tatsächlich über Ebay, der S. bekam auch Geld dafür: dreihundert Euro netto. Allerdings wollte die Hausverwaltung dann in der Wohnung den im Mietvertrag beinhalteten Gasherd und die Abwasch wieder haben – dass da kein Gasanschluss mehr war, interessierte niemanden. Dass die Stromleitungen allesamt den neuesten Anforderungen entsprachen, übrigens auch nicht. Der S. ließ also einen Gasherd und eine Abwasch hinstellen, ausgemalt wurde auch. Ein paar Gegenstände konnte er verkaufen, aber weit unter seinen Vorstellungen.

Mit den Schallplatten und dem S. war der Freund meiner Tochter zu einem vertrauenswürdigen Händler gefahren, der für alle Platten zusammen weniger bot als der Freund meiner Tochter für einen kleinen Stapel geboten hatte. Da nahm der S. die Schallplatten wieder mit nach Hause. Der Freund der Tochter meinte damals, der S. sei der traurigste Mensch, den er je kennengelernt habe.

Ein anderer Freund hatte das alles auch nicht mit ansehen können und kaufte dem S. ein paar Sachen ab, die er eigentlich nicht brauchte.

Und so weiter.

Leider hatte der S. auch einen Kredit von der T. übernommen im Zuge der Erbschaft, und durch die ganze finanzielle Misere war da eine gröbere Summe offen, aber wenn wir so nachrechneten, dann sollte sich das jetzt alles ganz gut in einem überschaubaren Zeitrahmen erledigen lassen. Die T., sagte er, hätte ihm ohnehin aufgeschrieben dass er mit allen Erledigungen zu mir kommen solle, ich würde ihn sicher gut beraten, aber er habe mich nicht belästigen wollen, und jetzt – ach geh, sagte ich, passt schon, jetzt kriegen wir das auch noch auf die Reihe.

Immer wieder redete ich dem S. zu, er solle zum Arzt gehen, er werde immer weniger. Ich kannte ihn ja lange genug, er war immer dürr, aber da hatte er wohl nur mehr etwas über die 40 Kilo. Wir trafen uns oft, im Sommer sitz ich gerne am Abend in einem Schanigarten herum, der S. war eine angenehme Gesellschaft, und vertrug sich mit jedem. Und wenn ich zwanzigmal sagte, S., iss was und trink was, dann tat er das auch brav. Denn mit dem Trinken hatte der S. es nicht so, da hatte die T. schon immer geschimpft: dem reichen an Flüssigkeit fünf große Mokka am Tag. Der S. war auch – wenn er Luft bekam – für seine Verhältnisse richtig gesprächig geworden: ich sei ja der einzige Mensch, mit dem er noch über die T. reden könnte, zu seiner Verwandtschaft war ihr Verhältnis nicht so gut gewesen, und ab einem gewissen Alter werden die Menschen um einen immer weniger, Kontakte verfliegen sich, es war niemand mehr da der die T. so lange gekannt hatte wie ich.

Ende September hat der S. die Wohnung übergeben. Es schien ihm ein Stein vom Herzen gefallen zu sein. Er würde jetzt, meinte er, seine neue Wohnung fertig basteln und dann Zug um Zug die Sachen aus den Zwischenlagern übersiedeln, und sich dann zumindest von alten Zeitschriften etc. trennen. Es müsse doch weitergehen. Ob ich ihm dann ein wenig Kochen beibringen könnte? Und ihm wieder so Geselchtes und Würstl vom Land besorgen? Klar, machen wir, meinte ich. Überhaupt wolle er jetzt wieder auf seine Gesundheit schauen, beim Arzt sei er schon gewesen, es ginge ihm besser. Infusionen habe er bekommen, und Tabletten, und Luft kriege er auch wieder. Hast ihm alles erzählt, fragte ich, ja, sagte er, alles, auch von der Wohnung und der Anstrengung und dass mich das schon sehr belastet. Er habe wieder Medikamente verschrieben bekommen, und er sah auch tatsächlich besser aus. Und ja, versicherte er mir noch einmal, er habe dem Arzt alles erzählt.

Ein bisserl Beschäftigung hatte ich auch wieder für ihn in Aussicht – nix Anstrengendes, mehr so Anwesenheitsdienst, aber fünf Minuten von seiner Wohnung entfernt, und nur was für wirklich verlässliche Leute. Das freute den S., nix tun sei ja nicht so seines, aber können und wollen sind halt manchmal verschieden.

Er hatte im Sommer die Katzen und Pflanzen meiner Tochter versorgt, mit Tieren konnte der S. immer gut, sogar Dat Julchen, bekannt als: „sie kenn ich nicht, mit ihnen sprech ich nicht“ kam immer zu ihm auf den Schoss und knutschte. Und von Pflanzen verstand er unglaublich viel.

Nun hatte mir meine liebe Tochter zum 60. Geburtstag einen Ausflug nach Berlin geschenkt, und was lag also näher als den S. zu fragen ob er wohl eine Woche lang Katzen und Piepkis füttern und tränken könnte? Er wohnte ja jetzt nur fünf Minuten entfernt. Klar, mach ich gerne, das weißt du doch, meinte er. Am Samstagabend kam er also, die Wohnung kannte er sowieso, ich erklärte ihm nochmal alles, wir tratschten über Gebühr lang, ich gab ihm noch ein Fresspaket mit und begleitete ihn bis vor seine Haustür, Frau Pixy musste ja auch noch einmal runter. Frau Pixy war – wie alle Tiere – ganz fest mit dem S. befreundet, und das bis-nach-Hause-begleiten machte sie ganz von selber: sie wusste genau, wo ihr Freund wohnt und hoppelte rücksichtsvoll ein wenig langsamer als sonst. Bringt viele Fotos mit, sagte der S. zum Abschied, ich freu mich schon wenn ihr mir alles erzählt.

Am 13.10., Sonntag früh, fuhren wir also los, nachmittags rief der S. an, ob ich sicher sei dass er alle Lampen brennen lassen solle, der Strom – S., sagte ich, das sind alles Sparlampen, das telefonieren kostet mehr als der Strom. Okay, sagte er.

Sonntagabend waren wir in Dresden, trafen eine Dame aus dem Internetz, und hatten einen lustigen Abend. Am Montag gondelten wir durch die Niederlausitz, kauften ein paar Orchideen und Tillandsien, auch für den S., tranken Kaffee in Cottbus, schauten uns Eisenhüttenstadt „30 Jahre danach“ an, und schlugen am Abend in Berlin auf.

tbc.

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ganz und gar keine Weihnachtsgeschichte III/VI
Vor einem Jahr kam dann das große Fiasko: der Staat wollte über die Steuer rund 40% der Rente wieder zurück, und die Firma, bei der S. arbeitete, hatte Pleite gemacht. Dazu meldete sich das ererbte Asthma, und der S. legte sich einfach ins Bett und wartete, was passieren würde. Seine Schwester G. rief dann die Rettung, und die brachte ihn ins Krankenhaus, und dort stellte man neben einer beidseitigen Lungenentzündung eine ziemlich eingeschränkte Lungenleistung fest. G. steht mit einer Lungenfunktion von 25% auf der Liste für eine neue Lunge und läuft mit einem mobilen Sauerstoffapparat herum. Die Lungenfunktion des S. lag bei 15%.

Die G. redete ihm bald gut zu, er solle doch die große Wohnung aufgeben, und sich (ihre) kleine Gemeindewohnung nehmen, das ginge schon. Sie hatte die Wohnung behalten als sie zu ihrem Mann zog, alles hier gleich um die Ecke bei mir. In der Wohnung der G. – die ungefähr 50 m² hat – war allerdings einiges zu tun, aber der S. sei geschickt, der könne das selber machen.

Willst du das wirklich, fragte ich ihn. Du könntest dir doch auch einen Mitbewohner suchen, das wollte er aber nicht, denn wenn jemand dann das, was die T. an einen Platz gestellt hatte, woanders hinstellen wolle, das ginge nicht, das könnte er nicht sehen.

Und die ganzen „Sachen“ - Bilder, Bücher, Schallplatten, Geschirr, Nippes, Keramiken, Teppiche, Sitzgarnituren, Esszimmer, die Küche, sag mal??? Ja, das müsse er dann wohl verkaufen, er wisse ja was das alles gekostet habe. S., sagte ich, du kriegst aber höchstens 10%, die Zeiten sind nicht besser geworden, und das, was du da und dort hineingebastelt hast, die maßgefertigte Küche, das Wasserbett, Bücherregale, das passt doch in eine normale Wohnung gar nicht einmal hinein.

Die Schwester und die Schwägerin redeten ihm aber weiter gut zu, und was Familie ist bleibt dann doch Familie, und der S. kündigte den Mietvertrag, den die T. und ihr damaliger Lebensgefährte im Jahre 1964 unterschrieben hatten, und den er übernommen hatte. Die Ablöse damals waren öS 80.000.— gewesen, natürlich ohne Beleg.

Bei der ersten Besichtigung durch die Hausverwaltung im August war ich dabei, auf Ersuchen des S. hin. Der junge Herr Hausverwalter war so weit so nett, allerdings die dunklen Anstriche aus den Räumen müssten hell werden, und dies und das, aber er werde mit dem Hausbesitzer reden, wenn die Wohnung weitervermietet würde dann könnten ja z.B. der begehbare Schrank, die Küche, etc. bleiben. Da wären auch noch kleinere Mietrückstände, meinte er, da könne man dann gegenrechnen, meinte ich, das schloss der Herr Hausverwaltung nicht aus.

Nun war der S., solange ich ihn kannte, ein Jäger und Sammler. Ein verbogener Nagel wurde nicht weggeworfen, sondern gerade geklopft, jeder Blumentopf gesäubert und für weitere Verwendung aufgehoben, und so weiter. Was Wunder, dass er sich auch fast fünf Jahre nach dem Tod der T. noch von nichts getrennt hatte? Was ihre Geschwister nicht unmittelbar nach ihrem Tod an sich gerissen hatten, war noch da. Sogar die Vorräte an gesunden Tees, ungefähr 100 (in Worten: einhundert) Sorten.

S., sagte ich, du hast drei Monate ausgemacht bis zur Übergabe einer leeren Wohnung, die neue Wohnung ist alles andere als fertig, und du kriegst keine Luft, ich meine: wie stellst du dir das eigentlich vor? Ach, die Schwester G. und der Bruder A. und die Schwägerin, die würden ihm helfen. Den A. hab ich kennengelernt, der ist lieb und hilfsbereit, aber erstens wohnt er im Burgenland, und zweitens geht er arbeiten, und drittens hat er am Wochenende seine drei Kinder bei sich. Die G. kriegt keine Luft, und die Schwägerin, so wurde berichtet, hat es im Rücken und 130 kg Lebendgewicht, oder mehr.

Versuche, alles in Bausch und Bogen loszuwerden scheiterten am S. – er konnte sich nicht für „kein Geld“ von seinen Erinnerungen trennen. Wie auch? Das war sein Leben, das einzige Gute das er jemals gehabt hatte. Wie die T. gestorben ist, hat er gesagt, da war mein Leben vorbei. Ich hab nicht einmal mehr die Blumen gegossen, ich hab nicht eingeheizt, ich hab keine Wäsche gewaschen, ich hab in dem Bett nicht mehr schlafen können, ich hab immer daran gedacht wie ich sie in der Zeit, in der es ihr so schlecht gegangen ist, hinauftragen hab müssen.

Der S. holte also Bananenkartons in Unmengen, und packte alles ein. In dem Haus, in dem die Wohnung war, hatte er auch noch eine Garage und einen Bastelraum gemietet, und da lagerte er nun alles. Bettzeug, Handtücher, Kleidung von der T., Schuhe von der T., Geschirr, Bilder, Bücher, alte Zeitschriften, Kinoprogramme von anno dunnemals (hatte die T. gesammelt), Kerzenständer, Mineralien (hatte der S. gesammelt), es wurden in Summe über 400 Kartons. Und dann waren da auch noch das Moped, und eine Doppeltür mit bunter Bleiverglasung, und und und.

In der Zwischenzeit hatte nämlich der Herr Hausverwaltung, mit dem wir gesprochen hatten, irgendwie an jemand anders übergeben (müssen?), und jetzt musste alles raus. Auch das Hochbett mit dem Wasserbett, der begehbare Schrank mit rund 6m², die gesamte Küche. Und ausgemalt musste werden. Gesagt hat man das dem S. allerdings erst eine Woche vor Wohnungsübergabe.

Die Schwägerin hatte ihm irgendein Unternehmen vermittelt, das kannte sie, weil sie als Hausbesorgerin irgendwie für das Haus zuständig war, sagte der S., und die Schwester und die Schwägerin hätten sich fürchterlich aufgeregt über die Vorschläge, die ich gemacht hätte, das seien ja Werte, WERTE, da müsse man ins Dorotheum gehen damit, und einen Schätzmeister kommen lassen, den müsse man dann eben bezahlen, aber dann käme alles zu einer Auktion, und …

S., sagte ich, so ist das nicht, aber bitte sehr, wenn die Damen glauben dass sie sich auskennen, dann sollen sie machen. Die Schwägerin bestellte also Fotos von allem und jedem, und ging damit ins Dorotheum, und wie nicht anders zu erwarten war kein Schätzmeister bereit zu kommen, nicht einmal gegen Geld. Das seien eben doch alles nur Gauner, das sehe man jetzt, sagten die beiden, so erzählte der S., zwischen dem Schnappen nach Luft. Auf Ebay kann man auch Sachen verkaufen, meinten die Damen, die Küche zum Beispiel, das seien sicherlich auch ein paar tausend Euro, die habe doch damals weit über € 15.000.—gekostet, oder noch mehr. Und die Keramiken, und die Bilder, und die Bücher, und die Ledersitzgarnituren, und die Teppiche. Die Leute wollten den armen S. alle nur betrügen und über den Tisch ziehen, dass die sich nicht genieren. Wie die Aasgeier, meinten sie, und der S. regte sich ziemlich auf darüber dass die beiden so redeten.

Sein Bruder A., der selber lange Jahre nebenbei einen Flohmarktstand betrieben hat, schüttelte traurig den Kopf. S., sagte er, die zwei Weiber sind Idioten, sei froh wenn du nix zahlen musst für das Ausräumen, das Ausmalen ist schon teuer genug. Für ein Buch kannst vielleicht einen Euro bekommen, für die teuren Bildbände vielleicht zehn, aber nur wenn Du dich selber auf den Markt stellst, und wie soll das gehen?

So ging das hin und her, die Schwägerin siegte, und das von ihr rekommandierte Unternehmen riss alles aus den Wänden. Nur das Hochbett und den begehbaren Schrank, die hatte der S. „für die Ewigkeit“ gebaut, die zerlegte er irgendwie selber und verarbeitete alles zu Kleinholz. Wie er das geschafft hat, ist mir ein Rätsel.

S., habe ich ihm immer wieder gepredigt, geh zu dem Lungenfacharzt bei dem du gewesen bist, erzähl ihm wie es dir geht, du schaust aus wie ein Gerippe, kriegst keine Luft, kannst manchmal nicht weiterreden, und erzähl ihm bitte auch genau warum es dir so schlecht geht.

tbc.

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