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Montag, 22. März 2010
sitzstreik in budapest, teil 5
kelef, 17:07h
frau kelef also sass, und streikte, und harrte der dinge die da kommen sollten.
der botschaftsjüngling glaubte das alles nicht und wähnte sich irgendwie in einem alptraum, was auch dem unverkennbaren alkoholgenuss der vornacht geschuldet gewesen sein mag.
die freundin der tochter greinte ein wenig, dazwischen war sie lästig, wurde aber alles ignoriert.
der vater der freundin der tochter hielt referate über geschwitzten wolf bei überdurchschnittlich wohlgenährten personen, und trug damit nicht wirklich positives zur situationsentspannung bei.
die dackel fanden das alles nur lustig, wenn sie sich lautstark mit den anderen hunden unterhalten konnten, was wiederum der entspannung auch eher abträglich war, um das einmal vorsichtig zu formulieren.
die tochter von frau kelef kannte frau kelef aus gründen schon länger als sie auf der welt war, es schwante ihr also böses auf mehreren ebenen, und das einzige was sie noch mehrfach hervorbrachte war ein entsprechend betontes "oh-oh-oh", und zwischendurch ein entschuldigend-fragendes "mama?"
frau kelef aber seufzte tief, mit geschlossenen augen an das schmiedeeiserne gitter im schönbrunner design gelehnt, die sonne schien, die vögel brüllten. die nachbarn brüllten fallweise auch, gottseidank auf ungarisch, das verstand frau kelef nicht, wäre ihr aber auch egal gewesen.
es verging eine stunde.
der botschaftsjüngling glaubte das alles langsam, es wurde ja auch später am vormittag, die spaziergänger sahen die versammlung vor der botschaft, ein oder zwei autos blieben stehen und schauten interessiert, ein oder zwei fotoapparate wurden gezückt obwohl doch auf dem schmiedeeisernen zaun ein grosses schild mit "fotogorafieren verboten" (in mehreren sprachen) prangte.
frau kelef räkelte sich mit geschlossenen augen in der sonne.
ein mildtätiger passant brachte eine plastikflasche voller wasser - für die hunde. immerhin.
frau kelef hätte ja gerne eine menge anderer dinge gehabt, vorzugsweise zuerst einmal kaffee, eine waschgelegenheit, geputzte zähne, und dann zum beispiel reisepässe, autopapiere, ausreisegenehmigungen, oder wenigstens den hals des botschafters zwischen den fingern, aber wasser für die hunde war ja schon einmal ein guter anfang.
kurz vor mittag hatte der jüngling es verstanden. frau kelef würde sich nicht entfernen, der rest der mannschaft hing mit unsichtbaren ketten untrennbar an ihr, er musste was tun.
"wie lange wollen sie denn noch da sitzen bleiben?" weckte er frau kelef rüde aus dem schlaf.
"raten sie einmal." wenn man frau kelef weckt, sollte man sicherheitshalber dafür sorge tragen dass mindestens ein meter sicherheitsluftlinie zwischen ihr und der weckenden person ist. das weiss der jüngling seither auch: frau kelef schlägt zuerst zu, dann macht sie die augen auf und schaut, wen sie getroffen hat.
als der jüngling wieder gerade stehen konnte und sich sein schmerzensgeheul (untermalt von den fröhlichen äusserungen der hunde die das alles für einen riesenspass hielten) gemildert hatte, fragte er mit gepresster stimme noch einmal genau nach.
frau kelef schilderte ihm die situation nochmals in kurzen, wenig freundlichen worten, zum mitschreiben für die besonders dummen, kwasi.
der jüngling bequemte sich infolge der bereits leicht gereizten stimmungslage frau kelefs doch dazu sich in die botschaft zu begeben, antragsformulare zu holen, diese frau kelef auszuhändigen und mit süffisanz festzuhalten das werde ihr aber gar nichts nützen, denn es würden auch noch passfotos benötigt, und zwar richtige, nix automat (den gäbe es ausserdem auch gar nicht), und das dauere allein ja schon ein paar tage. und dann sei der botschafter, wie er gerade gesehen habe, erst am mittwoch oder am donnerstag wieder da, frühestens, wahrscheinlich erst montag in einer woche.
"passfotos?" hyperventilierte frau kelef.
"ja, und zwar vorschriftsmässige."
"und die ausgefüllten anträge, und dann ist gut, und wir kriegen die papiere?"
"das dauerte dann nur ein paar tage."
"sie, ich sag ihnen jetzt gleich im voraus, und zwar ganz genau, ich komme demnächst mit den bildern, und dann aber will ich auf der stelle die papiere, und wenn ich auf der stelle sage dann meine ich das auch."
"und dann müssen sie mit den reisepässen noch zur lokalen polizei, wegen der ausreisevisa. das dauert wieder. und die haben nur vormittags amtsstunden."
frau kelef kroch wortlos hoch, hangelte sich am zaun entlang zum auto, eine hand krampfhaft um die wertvollen anträge gekrallt, die mannschaft wurde ins auto getrieben, motor an, und hinweg und hinfort.
richtung zentrum. da gab es grosse internationale hotels, menschen die deutsch sprachen, es war sonntag mittag, und da würde sich doch um wessen barmherzigkeit auch immer ein fotografengeschäft das offen haben würde finden. möglichkeitsform galore.
je nun. nix. nada. nothing. nincs. nemam.
wenn die laune frau kelefs aus den beschriebenen gründen nicht mehr ganz so lieblich ist wie sie das sein kann, dann sollte man ihr nicht widersprechen. schon gar nicht sollte man ihr erklären, dass es nicht möglich sei im jahre des herrn 1986 an einem sonnigen augustsonntagmittag mitten in budapest einen fotografen zu finden der innerhalb von ein paar stunden passfotos macht. weil, so beschloss frau kelef, den fotografen gibt es sicher, man muss den nur finden.
in der zwischenzeit schluchzten die drei zweibeiner nur mehr haltlos vor sich hin, die hunde winselten und hatten zudem das was sie im restaurant in sopron zu fressen bekommen hatten nicht wirklich gut vertragen.
"durchsage an alle: schnauze. jetzt. muss denken."
und es begab sich, dass denken half (das hat man ja oft), und so wurde ausgeschwärmt und nach schaukästen mit fotos gesucht. sowas hatte frau kelef bei ihren früheren besuchen in budapest schon gesehen, die gab es, fragte sich nur wo.
oh, am hoteleingang, wie überraschend logisch. adresse stand drauf, und das schicksal war gnädig, es waren eigentlich nur ein paar schritte, öffnungszeiten natürlich nicht am sonntag, hätte ja sogar frau kelef gewundert, aber der zweck heiligt die mittel und dass das kein atelier sondern eine privatadresse war - wtf, und also machte sich die mannschaft bestehend aus den bereits beschriebenen personen in ihrem sehr merkwürdigen zustand auf um dorthin zu gelangen.
die sache mit dem morgenfrischen teint wurde ersatzlos gestrichen, ebenso die sache mit ordentlicher kleidung und frisur und dem guten atem, man kann ja nicht alles haben und riechen würde man auf den bildern sowieso nix.
klingeling.
ein betörender duft nach mittagessen, frisch in zubereitung befindlich, kam durch die geschlossene tür.
man hatte ja draussen vor der tür eigentlich keinen appetit, aber riechen tat das, mein lieber scholli, und aber keiner machte auf.
klingelingeling (hatte man schon geübt) und wauwauwau.
hinter der tür hörte man ein empörtes gemurmel, dann öffnete sich die tür einen spalt, mit vorgelegter kette, und eine klitzekleine frau äugte heraus. also eigentlich nase mit goldrandbrille voraus, die frau war dahinter.
frau kelef, mit wörterbuch und anträgen und diebstahlsbestätigung und visitekarte und dokumentenmappen und noch ein paar forint in der hand versuchte ihr begehr vorzutragen.
"das hier ist meine privatwohnung, kommen sie bitte morgen ins geschäft." die frau sprach deutsch - von nun an konnte es nur besser werden.
frau kelef dankte vielmals im voraus für das ihr noch gar nicht entgegengebrachte verständnis, und entschuldigte sich äusserst überzeugt für die unverfrorenheit des unangebrachten klingelns und störens und erscheinens und überhaupt der eigenen existenz an sich, aber man möge doch die kindelein und die hündelein und überhaupt ...
die klitzekleine budapester fotografin ruckelte an ihrer goldrandbrille, schaute zu frau kelef auf, seufzte abgrundtief und herzerweichend, schaute die mannschaft an, seufzte noch abgrundtiefer, ruckelte noch einmal an der brille, und sprach die schicksalsschweren worte:
"oi, oi, oi, was a schlamassel, na da komme se herain, das mache mer schon, schalt ich nur den herd aus, kommt besuch dann, muss eben warten."
was soll man berichten: im ehemaligen kinderzimmer hatte diese beste, liebste, netteste, verständnisvollste, kleinste, grossnasigste und älteste fotografin der frau kelef jemals begegnet ist ein kleines atelier. und sie machte auf der stelle die besten, schönsten, vorschriftsmässigsten passbilder die von frau kelef jemals gemacht worden sind. und weil sie so begeistert von frau kelefs tochter und deren (zu diesem zeitpunkt höchst ungepflegter) haarpracht war, machte sie auch gleich noch ein paar künstlerische portraits von der jungen dame. und während sie in der küche kaffee kochte um frau kelefs lebensgeistern wieder auf die beine zu helfen, da entwickelte sie die bilder auch gleich, schnitt sie zu und drückte sie frau kelef hübsch sortiert in kleinen kartonmäppchen in die hand, und wollte noch nicht einmal geld nehmen: "man muss immer helfen wenn man kann, wir juden wissen das ja schon lange."
die preise waren allerdings im schaukasten angeschrieben gewesen, es wurde also ein wenig multipliziert und das geld der dame in die hand gedrückt, sie sträubte sich, geben sie es meinethalben bedürftigen, sagte frau kelef, und vielen dank auch. gott segne sie, sagten beide, die mädels hatten noch limonade bekommen und der vater der tochterfreundin auch einen kaffee (vertrug er aber nicht so gut, diese koffeinunmenge, der war dann auch noch wie auf speed, wolfsspeedig sozusagen), und man verabschiedete sich gar herzlich, und die fotografin heizte den herd wieder an, und frau kelef sagte zu sich:
"ha. geht doch wenn man will."
ein kurzer stopp in einem kleinen kaffeehaus wurde eingelegt, die anträge ausgefüllt, einmal tief durchatmen, und dann wurde die mannschaft zu paaren und in den traktor getrieben, zurück ging es zur botschaft.
bezeichnenderweise zogen über budapest zu diesem zeitpunkt ein paar wolken auf, und ein leichter wind begann stärker zu werden.
vor der botschaft angekommen wurde der traktor wieder auf den "reserviert für botschafter"-parkplatz geworfen, die türen öffneten sich und die mannschaft stand vor den toren der vertretung der österreicher in ungarn.
klingelingelingelingeling-huphup-pfeif-wauwauwau - diesmal gleich die ganze palette, wenn schon denn schon, und geübt war das ja.
der jüngling, in der zwischenzeit frisch gebadet und gekleidet, sah schon ein wenig menschlicher aus als zu früher morgenstunde, kriegte aber beim anblick der wohlbekannten und noch immer nicht liebgewonnenen gestalten eine leichte blässe im gesicht.
"schönen guten nachmittag" sprach frau kelef, "wir bringen dann hier die ausgefüllten anträge und die passfotos."
de wolken mehrten sich, wurden dunkler, und es donnerte.
"das kann nicht sein!" meinte der jüngling.
"das ist so." meine frau kelef.
ein kleines hin und her später hatte er dann offensichtlich so viel angst vor frau kelef, deren mannschaft und den ideen die sich in frau kelefs kopf zu diesem thema möglicherweise noch bilden könnten, dass er die gesammelten werke entgegennahm und schwor, im moment sei wirklich kein unterschriftsberechtiger vor ort, aber am nächsten vormittag seien die pässe etc. unterschrieben und abholbereit. und zwar rechtzeitig, um noch der ungarischen polizei zu den dortigen amtsstunden einen besuch abstatten und die ausreisevisa erhalten zu können.
und frau kelef sagte zu sich:
"ha. geht doch wenn man will."
die mannschaft in den traktor, und ab die post - wohin eigentlich?
es war in der zwischenzeit so gegen sechzehn uhr. der himmel wurde immer dunkler, der donner immer lauter, geld hatte man nicht sehr viel, und irgendwie, nachdem schlafen in der vergangenen nacht ja eher nicht auf dem programm gestanden hatte waren alle ein wenig übernächtigt, vor allem aber waren nunmehr endgültig alle: hungrig.
in budapest gab es immer schon die tollsten restaurants. und tolles essen. und noch viel tolleres personal, so von der sorte wie frau kelef es sehr schätzt, diese hervorragend ausgebildeten, soignierten, wohlerzogenen, erfahrenen kellner die sind wie sie sein sollen: liebenswürdig, unaufdringlich, und so weiter, aber ein klein wenig schauen die dann doch darauf dass die gäste die ins lokal kommen, nun ja, sagen wir einmal: auch hineinpassen. und: die kellner kriegen ja auch dafür bezahlt dass sie das tun, sollte man nicht vergessen.
und dann versuchen sie, sich den zustand vorzustellen in dem frau kelef und ihre mannschaft war nach den umtrieben der vergangenen stunden und tage, und dann versuchen sie in eines dieser restaurants hineinzukommen.
wenn sie es vermeiden können: versuchen sie es erst gar nicht. so viele reservierungen wie es da plötzlich gibt! an diesem sonntagabend muss die gesamte haute volée ungarns geplant haben essen zu gehen. dabei geht die gesellschaft doch eigentlich am sonntagabend nicht aus. nun ja.
es fand sich dann ein russisches restaurant mit schanigarten, in dem durften sich alle (nach kurzer schilderung für die gründe des äusseren zustandes) hinter der hecke niederlassen, ein paar büsche in kübeln wurden sorgsam so drapiert dass keiner hereinsehen konnte, und dann gaben die kellner ihr bestes: es wurde rekommandiert und erklärt und gebracht und geschleppt und eingegossen und bedauert und so weiter und so fort, ein labsal für seele und gaumen und magen, und dann noch "kompliment vom haus": rotwein von der krim, und kaffee und kuchen, und wodka, und eis für die jungen damen.
hotel, so beschied man uns, würde sich keines finden, man habe telefonisch schon nachgefragt, wegen der hunde, aber man hätte da - das zelt, wir erinnern uns, war ja noch in den tiefen des kofferraumes - einen etwas ausserhalb gelegenen campingplatz aufgetan. da wäre platz, und der betreiber sei erstens russe und zweitens sehr verständnisvoll wegen papieren und so, und drittens habe man ihm schon bescheid gesagt, sei alles sehr ordentlich und neu dort, und frau kelef möge sich doch bitte auf die herren x und y berufen, dann sei das schon in ordnung. ganz ungefragt hatten die das erledigt, wurde hier schon das hohe lied auf hervorragendes personal gesungen, besonders auf die kellner in russischen lokalen in budapest anno dunnemals? chapeau.
frau kelef, voll tiefster dankbarkeit, bedankte sich froh und glücklich, rief den segen der orthodoxen kirche auf die herren herab, schickte die zweibeiner noch mal an die bäume pinkeln und die hunde händewaschen, dann ward die mannschaft zu paaren und in den traktor getrieben.
und auf ging es richtung stadtautobahn zum campingplatz "etwas ausserhalb". es krachte, es donnerte, es begann endlich wieder zu schütten wie aus kübeln.
to be continued.
der botschaftsjüngling glaubte das alles nicht und wähnte sich irgendwie in einem alptraum, was auch dem unverkennbaren alkoholgenuss der vornacht geschuldet gewesen sein mag.
die freundin der tochter greinte ein wenig, dazwischen war sie lästig, wurde aber alles ignoriert.
der vater der freundin der tochter hielt referate über geschwitzten wolf bei überdurchschnittlich wohlgenährten personen, und trug damit nicht wirklich positives zur situationsentspannung bei.
die dackel fanden das alles nur lustig, wenn sie sich lautstark mit den anderen hunden unterhalten konnten, was wiederum der entspannung auch eher abträglich war, um das einmal vorsichtig zu formulieren.
die tochter von frau kelef kannte frau kelef aus gründen schon länger als sie auf der welt war, es schwante ihr also böses auf mehreren ebenen, und das einzige was sie noch mehrfach hervorbrachte war ein entsprechend betontes "oh-oh-oh", und zwischendurch ein entschuldigend-fragendes "mama?"
frau kelef aber seufzte tief, mit geschlossenen augen an das schmiedeeiserne gitter im schönbrunner design gelehnt, die sonne schien, die vögel brüllten. die nachbarn brüllten fallweise auch, gottseidank auf ungarisch, das verstand frau kelef nicht, wäre ihr aber auch egal gewesen.
es verging eine stunde.
der botschaftsjüngling glaubte das alles langsam, es wurde ja auch später am vormittag, die spaziergänger sahen die versammlung vor der botschaft, ein oder zwei autos blieben stehen und schauten interessiert, ein oder zwei fotoapparate wurden gezückt obwohl doch auf dem schmiedeeisernen zaun ein grosses schild mit "fotogorafieren verboten" (in mehreren sprachen) prangte.
frau kelef räkelte sich mit geschlossenen augen in der sonne.
ein mildtätiger passant brachte eine plastikflasche voller wasser - für die hunde. immerhin.
frau kelef hätte ja gerne eine menge anderer dinge gehabt, vorzugsweise zuerst einmal kaffee, eine waschgelegenheit, geputzte zähne, und dann zum beispiel reisepässe, autopapiere, ausreisegenehmigungen, oder wenigstens den hals des botschafters zwischen den fingern, aber wasser für die hunde war ja schon einmal ein guter anfang.
kurz vor mittag hatte der jüngling es verstanden. frau kelef würde sich nicht entfernen, der rest der mannschaft hing mit unsichtbaren ketten untrennbar an ihr, er musste was tun.
"wie lange wollen sie denn noch da sitzen bleiben?" weckte er frau kelef rüde aus dem schlaf.
"raten sie einmal." wenn man frau kelef weckt, sollte man sicherheitshalber dafür sorge tragen dass mindestens ein meter sicherheitsluftlinie zwischen ihr und der weckenden person ist. das weiss der jüngling seither auch: frau kelef schlägt zuerst zu, dann macht sie die augen auf und schaut, wen sie getroffen hat.
als der jüngling wieder gerade stehen konnte und sich sein schmerzensgeheul (untermalt von den fröhlichen äusserungen der hunde die das alles für einen riesenspass hielten) gemildert hatte, fragte er mit gepresster stimme noch einmal genau nach.
frau kelef schilderte ihm die situation nochmals in kurzen, wenig freundlichen worten, zum mitschreiben für die besonders dummen, kwasi.
der jüngling bequemte sich infolge der bereits leicht gereizten stimmungslage frau kelefs doch dazu sich in die botschaft zu begeben, antragsformulare zu holen, diese frau kelef auszuhändigen und mit süffisanz festzuhalten das werde ihr aber gar nichts nützen, denn es würden auch noch passfotos benötigt, und zwar richtige, nix automat (den gäbe es ausserdem auch gar nicht), und das dauere allein ja schon ein paar tage. und dann sei der botschafter, wie er gerade gesehen habe, erst am mittwoch oder am donnerstag wieder da, frühestens, wahrscheinlich erst montag in einer woche.
"passfotos?" hyperventilierte frau kelef.
"ja, und zwar vorschriftsmässige."
"und die ausgefüllten anträge, und dann ist gut, und wir kriegen die papiere?"
"das dauerte dann nur ein paar tage."
"sie, ich sag ihnen jetzt gleich im voraus, und zwar ganz genau, ich komme demnächst mit den bildern, und dann aber will ich auf der stelle die papiere, und wenn ich auf der stelle sage dann meine ich das auch."
"und dann müssen sie mit den reisepässen noch zur lokalen polizei, wegen der ausreisevisa. das dauert wieder. und die haben nur vormittags amtsstunden."
frau kelef kroch wortlos hoch, hangelte sich am zaun entlang zum auto, eine hand krampfhaft um die wertvollen anträge gekrallt, die mannschaft wurde ins auto getrieben, motor an, und hinweg und hinfort.
richtung zentrum. da gab es grosse internationale hotels, menschen die deutsch sprachen, es war sonntag mittag, und da würde sich doch um wessen barmherzigkeit auch immer ein fotografengeschäft das offen haben würde finden. möglichkeitsform galore.
je nun. nix. nada. nothing. nincs. nemam.
wenn die laune frau kelefs aus den beschriebenen gründen nicht mehr ganz so lieblich ist wie sie das sein kann, dann sollte man ihr nicht widersprechen. schon gar nicht sollte man ihr erklären, dass es nicht möglich sei im jahre des herrn 1986 an einem sonnigen augustsonntagmittag mitten in budapest einen fotografen zu finden der innerhalb von ein paar stunden passfotos macht. weil, so beschloss frau kelef, den fotografen gibt es sicher, man muss den nur finden.
in der zwischenzeit schluchzten die drei zweibeiner nur mehr haltlos vor sich hin, die hunde winselten und hatten zudem das was sie im restaurant in sopron zu fressen bekommen hatten nicht wirklich gut vertragen.
"durchsage an alle: schnauze. jetzt. muss denken."
und es begab sich, dass denken half (das hat man ja oft), und so wurde ausgeschwärmt und nach schaukästen mit fotos gesucht. sowas hatte frau kelef bei ihren früheren besuchen in budapest schon gesehen, die gab es, fragte sich nur wo.
oh, am hoteleingang, wie überraschend logisch. adresse stand drauf, und das schicksal war gnädig, es waren eigentlich nur ein paar schritte, öffnungszeiten natürlich nicht am sonntag, hätte ja sogar frau kelef gewundert, aber der zweck heiligt die mittel und dass das kein atelier sondern eine privatadresse war - wtf, und also machte sich die mannschaft bestehend aus den bereits beschriebenen personen in ihrem sehr merkwürdigen zustand auf um dorthin zu gelangen.
die sache mit dem morgenfrischen teint wurde ersatzlos gestrichen, ebenso die sache mit ordentlicher kleidung und frisur und dem guten atem, man kann ja nicht alles haben und riechen würde man auf den bildern sowieso nix.
klingeling.
ein betörender duft nach mittagessen, frisch in zubereitung befindlich, kam durch die geschlossene tür.
man hatte ja draussen vor der tür eigentlich keinen appetit, aber riechen tat das, mein lieber scholli, und aber keiner machte auf.
klingelingeling (hatte man schon geübt) und wauwauwau.
hinter der tür hörte man ein empörtes gemurmel, dann öffnete sich die tür einen spalt, mit vorgelegter kette, und eine klitzekleine frau äugte heraus. also eigentlich nase mit goldrandbrille voraus, die frau war dahinter.
frau kelef, mit wörterbuch und anträgen und diebstahlsbestätigung und visitekarte und dokumentenmappen und noch ein paar forint in der hand versuchte ihr begehr vorzutragen.
"das hier ist meine privatwohnung, kommen sie bitte morgen ins geschäft." die frau sprach deutsch - von nun an konnte es nur besser werden.
frau kelef dankte vielmals im voraus für das ihr noch gar nicht entgegengebrachte verständnis, und entschuldigte sich äusserst überzeugt für die unverfrorenheit des unangebrachten klingelns und störens und erscheinens und überhaupt der eigenen existenz an sich, aber man möge doch die kindelein und die hündelein und überhaupt ...
die klitzekleine budapester fotografin ruckelte an ihrer goldrandbrille, schaute zu frau kelef auf, seufzte abgrundtief und herzerweichend, schaute die mannschaft an, seufzte noch abgrundtiefer, ruckelte noch einmal an der brille, und sprach die schicksalsschweren worte:
"oi, oi, oi, was a schlamassel, na da komme se herain, das mache mer schon, schalt ich nur den herd aus, kommt besuch dann, muss eben warten."
was soll man berichten: im ehemaligen kinderzimmer hatte diese beste, liebste, netteste, verständnisvollste, kleinste, grossnasigste und älteste fotografin der frau kelef jemals begegnet ist ein kleines atelier. und sie machte auf der stelle die besten, schönsten, vorschriftsmässigsten passbilder die von frau kelef jemals gemacht worden sind. und weil sie so begeistert von frau kelefs tochter und deren (zu diesem zeitpunkt höchst ungepflegter) haarpracht war, machte sie auch gleich noch ein paar künstlerische portraits von der jungen dame. und während sie in der küche kaffee kochte um frau kelefs lebensgeistern wieder auf die beine zu helfen, da entwickelte sie die bilder auch gleich, schnitt sie zu und drückte sie frau kelef hübsch sortiert in kleinen kartonmäppchen in die hand, und wollte noch nicht einmal geld nehmen: "man muss immer helfen wenn man kann, wir juden wissen das ja schon lange."
die preise waren allerdings im schaukasten angeschrieben gewesen, es wurde also ein wenig multipliziert und das geld der dame in die hand gedrückt, sie sträubte sich, geben sie es meinethalben bedürftigen, sagte frau kelef, und vielen dank auch. gott segne sie, sagten beide, die mädels hatten noch limonade bekommen und der vater der tochterfreundin auch einen kaffee (vertrug er aber nicht so gut, diese koffeinunmenge, der war dann auch noch wie auf speed, wolfsspeedig sozusagen), und man verabschiedete sich gar herzlich, und die fotografin heizte den herd wieder an, und frau kelef sagte zu sich:
"ha. geht doch wenn man will."
ein kurzer stopp in einem kleinen kaffeehaus wurde eingelegt, die anträge ausgefüllt, einmal tief durchatmen, und dann wurde die mannschaft zu paaren und in den traktor getrieben, zurück ging es zur botschaft.
bezeichnenderweise zogen über budapest zu diesem zeitpunkt ein paar wolken auf, und ein leichter wind begann stärker zu werden.
vor der botschaft angekommen wurde der traktor wieder auf den "reserviert für botschafter"-parkplatz geworfen, die türen öffneten sich und die mannschaft stand vor den toren der vertretung der österreicher in ungarn.
klingelingelingelingeling-huphup-pfeif-wauwauwau - diesmal gleich die ganze palette, wenn schon denn schon, und geübt war das ja.
der jüngling, in der zwischenzeit frisch gebadet und gekleidet, sah schon ein wenig menschlicher aus als zu früher morgenstunde, kriegte aber beim anblick der wohlbekannten und noch immer nicht liebgewonnenen gestalten eine leichte blässe im gesicht.
"schönen guten nachmittag" sprach frau kelef, "wir bringen dann hier die ausgefüllten anträge und die passfotos."
de wolken mehrten sich, wurden dunkler, und es donnerte.
"das kann nicht sein!" meinte der jüngling.
"das ist so." meine frau kelef.
ein kleines hin und her später hatte er dann offensichtlich so viel angst vor frau kelef, deren mannschaft und den ideen die sich in frau kelefs kopf zu diesem thema möglicherweise noch bilden könnten, dass er die gesammelten werke entgegennahm und schwor, im moment sei wirklich kein unterschriftsberechtiger vor ort, aber am nächsten vormittag seien die pässe etc. unterschrieben und abholbereit. und zwar rechtzeitig, um noch der ungarischen polizei zu den dortigen amtsstunden einen besuch abstatten und die ausreisevisa erhalten zu können.
und frau kelef sagte zu sich:
"ha. geht doch wenn man will."
die mannschaft in den traktor, und ab die post - wohin eigentlich?
es war in der zwischenzeit so gegen sechzehn uhr. der himmel wurde immer dunkler, der donner immer lauter, geld hatte man nicht sehr viel, und irgendwie, nachdem schlafen in der vergangenen nacht ja eher nicht auf dem programm gestanden hatte waren alle ein wenig übernächtigt, vor allem aber waren nunmehr endgültig alle: hungrig.
in budapest gab es immer schon die tollsten restaurants. und tolles essen. und noch viel tolleres personal, so von der sorte wie frau kelef es sehr schätzt, diese hervorragend ausgebildeten, soignierten, wohlerzogenen, erfahrenen kellner die sind wie sie sein sollen: liebenswürdig, unaufdringlich, und so weiter, aber ein klein wenig schauen die dann doch darauf dass die gäste die ins lokal kommen, nun ja, sagen wir einmal: auch hineinpassen. und: die kellner kriegen ja auch dafür bezahlt dass sie das tun, sollte man nicht vergessen.
und dann versuchen sie, sich den zustand vorzustellen in dem frau kelef und ihre mannschaft war nach den umtrieben der vergangenen stunden und tage, und dann versuchen sie in eines dieser restaurants hineinzukommen.
wenn sie es vermeiden können: versuchen sie es erst gar nicht. so viele reservierungen wie es da plötzlich gibt! an diesem sonntagabend muss die gesamte haute volée ungarns geplant haben essen zu gehen. dabei geht die gesellschaft doch eigentlich am sonntagabend nicht aus. nun ja.
es fand sich dann ein russisches restaurant mit schanigarten, in dem durften sich alle (nach kurzer schilderung für die gründe des äusseren zustandes) hinter der hecke niederlassen, ein paar büsche in kübeln wurden sorgsam so drapiert dass keiner hereinsehen konnte, und dann gaben die kellner ihr bestes: es wurde rekommandiert und erklärt und gebracht und geschleppt und eingegossen und bedauert und so weiter und so fort, ein labsal für seele und gaumen und magen, und dann noch "kompliment vom haus": rotwein von der krim, und kaffee und kuchen, und wodka, und eis für die jungen damen.
hotel, so beschied man uns, würde sich keines finden, man habe telefonisch schon nachgefragt, wegen der hunde, aber man hätte da - das zelt, wir erinnern uns, war ja noch in den tiefen des kofferraumes - einen etwas ausserhalb gelegenen campingplatz aufgetan. da wäre platz, und der betreiber sei erstens russe und zweitens sehr verständnisvoll wegen papieren und so, und drittens habe man ihm schon bescheid gesagt, sei alles sehr ordentlich und neu dort, und frau kelef möge sich doch bitte auf die herren x und y berufen, dann sei das schon in ordnung. ganz ungefragt hatten die das erledigt, wurde hier schon das hohe lied auf hervorragendes personal gesungen, besonders auf die kellner in russischen lokalen in budapest anno dunnemals? chapeau.
frau kelef, voll tiefster dankbarkeit, bedankte sich froh und glücklich, rief den segen der orthodoxen kirche auf die herren herab, schickte die zweibeiner noch mal an die bäume pinkeln und die hunde händewaschen, dann ward die mannschaft zu paaren und in den traktor getrieben.
und auf ging es richtung stadtautobahn zum campingplatz "etwas ausserhalb". es krachte, es donnerte, es begann endlich wieder zu schütten wie aus kübeln.
to be continued.
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Mittwoch, 17. März 2010
sitzstreik in budapest, teil 4
kelef, 12:28h
man war also wieder auf achse. zweihundert und einige kilometer, etliche wolkenbrüche, pinkelpausen im grünen, sehr viele sehr laute ordnungsrufe seitens frau kelef und quengelige greinattacken der restlichen mannschaft später war man sogar in budapest.
es war früher morgen, es hatte aufgehört zu regnen, am horizont begann es zu dämmern, wie das ende august so gegen halb fünf uhr früh so zu sein pflegt.
so weit, so gut. auf unerklärliche weise hatte auch der stadtplan von budapest neben der karte von ungarn im handschuhfach die reise mitgemacht, und so wäre alles gut gewesen wenn auf dem vermaledeiten stadtplan die österreichische botschaft eingezeichnet gewesen wäre. oder irgendeine menschenseele, womöglich auch noch eine deutschsprachige, sich auf der strasse hätte blicken lassen. es wurden dann fallweise einige personen angehalten, aber irgendwie fürchteten die sich vor dem auto mit der merkwürdigen besatzung und ergriffen die flucht, ohne dass eine nähere kontaktaufnahme möglich gewesen wäre.
und wie das so war mit den volksdemokratischen wach- und sicherheitspersonen: wenn man sie brauchte waren sie wie vom erdboden verschluckt. das schien ja immer system zu haben. aber wehe man brauchte sie gerade nicht unbedingt ...
des einen herrn rendörség konnte man allerdings habhaft werden, und der war auch kommunikationsbereit, allerdings auf ungarisch. das wörterbuch (sie haben ja keine ahnung was frau kelef da alles im auto gebunkert hatte) war hilfreich, und so konnte auf der karte der weg zur österreichischen vertretung angezeichnet werden. natürlich hatte frau kelef die botschaft eher im zentrum vermutet, dort war man auch gut gelandet, aber, sie erraten es, sie war weit, weit ausserhalb. aber sie ward gefunden, in einem idyllischen villenviertel, schönbrunenr stil, traumhafte strasse, ruhig, mit schmiedeeisernem zaun und wachkameras und schattenspendenden bäumen zwischen gehsteig und strasse.
am tor war eine klingel. frau kelef drückte darauf: nix. mehrmaliges läuten: nix.
frau kelef schaute auf die uhr, es war so gegen sechs uhr früh, 24 stunden wachzustand fast, also bevor jetzt ein unglück passiert, dachte sie, da versuch ich noch eine runde zu schlafen, das macht erstens einen rosigen teint und zweitens ist das ja angeblich gesund, das schlafen. wie ging das nochmal: ah ja, bett, hineinlegen, augen zu, ...
der lada hatte liegesitze, aber: haben sie schon einmal versucht, in einem lada den liegesitz herunterzuklappen während hinter ihnen auf der vollbesetzten rückbank zwei elfjährige mädchen und zwei rauhaardackel sich um die beste sitzposition streiten? und haben sie schon einmal versucht, während neben ihnen ein fettkoloss schnauft und schnieft und von seinem erschwitzten wolf erzählt und überhaupt alle jammern und wehklagen, ein auge zuzutun?
wenn sie solches vermeiden können, dann tun sie dies.
ein wenig kühl war es draussen auch, und so meinte ein teil der mannschaft man müsse die fenster geschlossen halten, frau kelef mag es ja an sich schon eher kühl, und kühle kühlt auch hitzige gemüter, sagt man, kurzum, es war recht kurzweilig, kurzfristig stand man auch kurz vor mord und totschlag.
gegen acht war das alles nicht mehr auszuhalten. jeder hatte hunger, jede hatte durst, jeder musste pinkeln und mehr, keiner hatte geputzte zähne, jeder hatte grind unter den fingernägeln, keiner hatte was sauberes an, jeder hatte wieder hunger (besonders der koloss), und jeder wollte nach hause, zumindest telefonieren. und die grösste dramatik: frau kelef hatte keinen kaffee. das alleine schon ist ja ein gefahrenmoment für die umgebung.
frau kelef also, in der zwischenzeit von wenig ansprechendem äusseren (siehe oben) und auch ansonsten gezeichnet von den geschehnissen der letzten 24 stunden, entschloss sich, der vertretung der österreicher in ungarn nunmehr energischer nahezutreten.
klingelingeling. nix.
klingelingelingelingeling. nix.
klingelingelingelingelingelingelinge. nix.
elsa und anton, die rauhaardackel, sch*ssen jeweils einmal fröhlich vor die botschaft. man konnte ihnen dies nachfühlen, und ausserdem waren sie kurz angebunden, also an der leine, und konnten sich entsprechend nicht weit entfernen. die beiden waren übrigens die einzigen mit zuordenbarem ausweisdings, nämlich den hundemarken. aber die galten ja nix, damals in ungarn.
klingelingelingelinge-hallo-lingelinge-huuphuuphuup-wauwau-klingelinge-SIE! HERR BOTSCHAFT! nix.
obiges, wiederholt, crescendierend, und was tat gott? er erweckte einen jüngling mit lockichtem haar, der widerwilig den kopf aus einem fenster im ersten stock streckte, zerzaust und gezeichnet von man will gar nicht wissen was, und er öffnete den mund und sagte:
"was wollen SIE denn???"
nun, wenn er schon so unverblümt grusslos zur sache kam, so dachte frau kelef, dann könnte man ihm doch gleich sachlich näherbringen was das begehr sei, also:
"drei reisepässe, fahrzeugpapiere, führerscheinersatzbestätigung, ausreisepapiere für zwei hunde."
bumm. fenster zu.
klingelinge....
"was WOLLEN sie denn?"
"drei reisepässe, fahrzeugpapiere, führerscheinersatzbestätigung, ausreisepapiere für zwei hunde."
"wieso?"
"sind gestohlen worden."
"da müssen sie eine anzeige machen!"
"hab ich schon."
"da müssen sie morgen kommen, heute ist sonntag, am montag - aber da ist keine sprechstunde, also am dienstag - da können sie einen antrag stellen, nach einer woche bekommen sie dann ..."
"sie, ich muss morgen wieder arbeiten gehen, so rein theoretisch, ich hab kein geld und keine papiere, wie stellen sie sich das vor, die beiden mädchen sind elf jahre alt ..."
"da kann ich nichts dafür."
"wenn sie nicht sofort und auf der stelle und hier und jetzt und umgehend dafür sorge ..."
bumm. fenster zu.
klingelinge-wau-hup-schrei-pfeif-dröhn-schepper...
wussten sie, warum man immer genügend werkzeug im auto haben muss? damit man vor der österreichischen botschaft in budapest im zweifelsfall zusätzlichen lärm erzeugen kann. und zwar lärm, den man drei strassen weiter auch noch hört, so kurz nach acht an einem heiligen sonntagmorgen. das hätten sie jetzt auch nicht gedacht - und die damalige umgebung erst recht nicht.
jedenfalls, es erhoben sich erst um ruhe flehende, dann um ruhe ersuchende, dann vehement ruhe fordernde stimmen aus den umliegenden häusern. mehrsprachig, schien das diplomatenviertel zu sein.
frau kelef schaltete auf akustischen durchzug.
klinge-wau-hup-schepper-dröhn-wein-grein-schrei...wauwauwauwau .
eine pfeife hatte sich auch noch gefunden, wohl für die hunde gedacht, aber daher umso hervorragender dazu geeignet die wachhunde der umliegenden häuser in die sonntagmorgenmusik mit einstimmen zu lassen.
was ein spass.
herr botschaftsjüngling stolperte nach einer viertelstunde aus der tür, und näherte sich dem schmiedeeisernen zaun.
"was wollen sie eigentlich wirklich?"
"sie, ich hab das ernst gemeint, uns sind die papiere gestohlen worden, hier die anzeige von der polizei, hier eine visitekarte, hier die ordner mit unseren dokumenten, den abgelaufenen reisepässen, wir hätten bitte, gerne, ersatzpapiere damit wir nach hause fahren können, danke vielmals im voraus."
"da müssen sie am dienstag wiederkommen, das hab ich ihnen ja schon gesagt."
und in diesem moment platzte frau kelef der kragen, und sie brüllte den jüngling ein wenig an, unflätig, wenn die erinnerung nicht täuscht, und erinnerte sich auch daran dass ein ihr bekannter mitarbeiter des auswärtigen amtes, der mehrfach die botschafter in moskau, budapest, und noch ein paar ländern, vertreten hatte, die abhandlung von derlei geschehnissen (die ja per se nichts wirklich aussergewöhnliches sind) anders dargestellt hatte. der jüngling ward darüber informiert, insistierte jedoch auf einem wiederkommen am dienstag, und dann
trat frau kelef eben in sitzstreik. vor der botschaft in budapest.
frau kelef lehnte sich mit dem rücken an den schmiedeeisernen zaun, die sonne schien ihr ins gesicht, die vögel brüllten, die mannschaft schaute verwundert, der jüngling noch verwunderter, frau kelef aber seufzte tief und zufrieden, zog die schuhe aus, streckte die schmutzigen füsse quer über den gehsteig richtung sonne, und teilte dem jüngling mit ihrer süssesten stimme mit, sie hätte jetzt genug, sei nicht mehr fahrtauglich, ergo könne sie den traktor auch nicht von dem für botschaftsangehörige reservierten parkplatz wegbewegen, ergo müsse sie sich jetzt einmal ausschlafen.
weiters sässe sie hier sehr bequem (ein riesiges badetuch hatte sich noch gefunden), und da der jüngling mit oder ohne lockichtem haar sich als uneinsichtig erwiesen habe, hielte frau kelef jetzt eben sitzstreik bis zur erfüllung ihrer wünsche. denn ohne papiere kriege sie ja auch keine unterkunft, und ohne geld könne sie ja auch keine bezahlen, und überhaupt.
und wenn sich bis in einer kleinen weile das alles nicht zu frau kelefs wohlgefallen gelöst haben würde, dann wäre sie glattweg imstande sich aufzuraffen und weitere massnahmen zu ergreifen, als da seien:
weitere ohren- und nerventötende geräuscherzeugung
in der folge: rendörseg
in der folge: anzeige
in der folge: telefon nach hause
in der folge: verständigung der presse
in der folge: nette leute aus frau kelefs freundeskreis würden kommen
in der folge: nette artikel in der presse, gerne auch tv
in der folge: das mit der unterbringung und all diesen dinge würde wohl schnell funktionieren
in der folge: herr jungling hätte wohl einen klitzekleinen erklärungsbedarf mehr
in der folge: das auswärtige amt hätte erst recht einen erklärungsbedarf
in der folge: das könne der jüngling sich ja gerne selber ausmalen
und im übrigen wünsche frau kelef jetzt nicht mehr angeredet zu werden. sie persönlich hielte jetzt eben ihren sitzstreik, und der rest der mannschaft könne machen was er wolle, sie sei jetzt einfach nicht mehr in der lage ihr französisches hollywoodnervenkostüm weiter zu belasten, aus medizinischen und anderen gründen.
to be continued.
es war früher morgen, es hatte aufgehört zu regnen, am horizont begann es zu dämmern, wie das ende august so gegen halb fünf uhr früh so zu sein pflegt.
so weit, so gut. auf unerklärliche weise hatte auch der stadtplan von budapest neben der karte von ungarn im handschuhfach die reise mitgemacht, und so wäre alles gut gewesen wenn auf dem vermaledeiten stadtplan die österreichische botschaft eingezeichnet gewesen wäre. oder irgendeine menschenseele, womöglich auch noch eine deutschsprachige, sich auf der strasse hätte blicken lassen. es wurden dann fallweise einige personen angehalten, aber irgendwie fürchteten die sich vor dem auto mit der merkwürdigen besatzung und ergriffen die flucht, ohne dass eine nähere kontaktaufnahme möglich gewesen wäre.
und wie das so war mit den volksdemokratischen wach- und sicherheitspersonen: wenn man sie brauchte waren sie wie vom erdboden verschluckt. das schien ja immer system zu haben. aber wehe man brauchte sie gerade nicht unbedingt ...
des einen herrn rendörség konnte man allerdings habhaft werden, und der war auch kommunikationsbereit, allerdings auf ungarisch. das wörterbuch (sie haben ja keine ahnung was frau kelef da alles im auto gebunkert hatte) war hilfreich, und so konnte auf der karte der weg zur österreichischen vertretung angezeichnet werden. natürlich hatte frau kelef die botschaft eher im zentrum vermutet, dort war man auch gut gelandet, aber, sie erraten es, sie war weit, weit ausserhalb. aber sie ward gefunden, in einem idyllischen villenviertel, schönbrunenr stil, traumhafte strasse, ruhig, mit schmiedeeisernem zaun und wachkameras und schattenspendenden bäumen zwischen gehsteig und strasse.
am tor war eine klingel. frau kelef drückte darauf: nix. mehrmaliges läuten: nix.
frau kelef schaute auf die uhr, es war so gegen sechs uhr früh, 24 stunden wachzustand fast, also bevor jetzt ein unglück passiert, dachte sie, da versuch ich noch eine runde zu schlafen, das macht erstens einen rosigen teint und zweitens ist das ja angeblich gesund, das schlafen. wie ging das nochmal: ah ja, bett, hineinlegen, augen zu, ...
der lada hatte liegesitze, aber: haben sie schon einmal versucht, in einem lada den liegesitz herunterzuklappen während hinter ihnen auf der vollbesetzten rückbank zwei elfjährige mädchen und zwei rauhaardackel sich um die beste sitzposition streiten? und haben sie schon einmal versucht, während neben ihnen ein fettkoloss schnauft und schnieft und von seinem erschwitzten wolf erzählt und überhaupt alle jammern und wehklagen, ein auge zuzutun?
wenn sie solches vermeiden können, dann tun sie dies.
ein wenig kühl war es draussen auch, und so meinte ein teil der mannschaft man müsse die fenster geschlossen halten, frau kelef mag es ja an sich schon eher kühl, und kühle kühlt auch hitzige gemüter, sagt man, kurzum, es war recht kurzweilig, kurzfristig stand man auch kurz vor mord und totschlag.
gegen acht war das alles nicht mehr auszuhalten. jeder hatte hunger, jede hatte durst, jeder musste pinkeln und mehr, keiner hatte geputzte zähne, jeder hatte grind unter den fingernägeln, keiner hatte was sauberes an, jeder hatte wieder hunger (besonders der koloss), und jeder wollte nach hause, zumindest telefonieren. und die grösste dramatik: frau kelef hatte keinen kaffee. das alleine schon ist ja ein gefahrenmoment für die umgebung.
frau kelef also, in der zwischenzeit von wenig ansprechendem äusseren (siehe oben) und auch ansonsten gezeichnet von den geschehnissen der letzten 24 stunden, entschloss sich, der vertretung der österreicher in ungarn nunmehr energischer nahezutreten.
klingelingeling. nix.
klingelingelingelingeling. nix.
klingelingelingelingelingelingelinge. nix.
elsa und anton, die rauhaardackel, sch*ssen jeweils einmal fröhlich vor die botschaft. man konnte ihnen dies nachfühlen, und ausserdem waren sie kurz angebunden, also an der leine, und konnten sich entsprechend nicht weit entfernen. die beiden waren übrigens die einzigen mit zuordenbarem ausweisdings, nämlich den hundemarken. aber die galten ja nix, damals in ungarn.
klingelingelingelinge-hallo-lingelinge-huuphuuphuup-wauwau-klingelinge-SIE! HERR BOTSCHAFT! nix.
obiges, wiederholt, crescendierend, und was tat gott? er erweckte einen jüngling mit lockichtem haar, der widerwilig den kopf aus einem fenster im ersten stock streckte, zerzaust und gezeichnet von man will gar nicht wissen was, und er öffnete den mund und sagte:
"was wollen SIE denn???"
nun, wenn er schon so unverblümt grusslos zur sache kam, so dachte frau kelef, dann könnte man ihm doch gleich sachlich näherbringen was das begehr sei, also:
"drei reisepässe, fahrzeugpapiere, führerscheinersatzbestätigung, ausreisepapiere für zwei hunde."
bumm. fenster zu.
klingelinge....
"was WOLLEN sie denn?"
"drei reisepässe, fahrzeugpapiere, führerscheinersatzbestätigung, ausreisepapiere für zwei hunde."
"wieso?"
"sind gestohlen worden."
"da müssen sie eine anzeige machen!"
"hab ich schon."
"da müssen sie morgen kommen, heute ist sonntag, am montag - aber da ist keine sprechstunde, also am dienstag - da können sie einen antrag stellen, nach einer woche bekommen sie dann ..."
"sie, ich muss morgen wieder arbeiten gehen, so rein theoretisch, ich hab kein geld und keine papiere, wie stellen sie sich das vor, die beiden mädchen sind elf jahre alt ..."
"da kann ich nichts dafür."
"wenn sie nicht sofort und auf der stelle und hier und jetzt und umgehend dafür sorge ..."
bumm. fenster zu.
klingelinge-wau-hup-schrei-pfeif-dröhn-schepper...
wussten sie, warum man immer genügend werkzeug im auto haben muss? damit man vor der österreichischen botschaft in budapest im zweifelsfall zusätzlichen lärm erzeugen kann. und zwar lärm, den man drei strassen weiter auch noch hört, so kurz nach acht an einem heiligen sonntagmorgen. das hätten sie jetzt auch nicht gedacht - und die damalige umgebung erst recht nicht.
jedenfalls, es erhoben sich erst um ruhe flehende, dann um ruhe ersuchende, dann vehement ruhe fordernde stimmen aus den umliegenden häusern. mehrsprachig, schien das diplomatenviertel zu sein.
frau kelef schaltete auf akustischen durchzug.
klinge-wau-hup-schepper-dröhn-wein-grein-schrei...wauwauwauwau .
eine pfeife hatte sich auch noch gefunden, wohl für die hunde gedacht, aber daher umso hervorragender dazu geeignet die wachhunde der umliegenden häuser in die sonntagmorgenmusik mit einstimmen zu lassen.
was ein spass.
herr botschaftsjüngling stolperte nach einer viertelstunde aus der tür, und näherte sich dem schmiedeeisernen zaun.
"was wollen sie eigentlich wirklich?"
"sie, ich hab das ernst gemeint, uns sind die papiere gestohlen worden, hier die anzeige von der polizei, hier eine visitekarte, hier die ordner mit unseren dokumenten, den abgelaufenen reisepässen, wir hätten bitte, gerne, ersatzpapiere damit wir nach hause fahren können, danke vielmals im voraus."
"da müssen sie am dienstag wiederkommen, das hab ich ihnen ja schon gesagt."
und in diesem moment platzte frau kelef der kragen, und sie brüllte den jüngling ein wenig an, unflätig, wenn die erinnerung nicht täuscht, und erinnerte sich auch daran dass ein ihr bekannter mitarbeiter des auswärtigen amtes, der mehrfach die botschafter in moskau, budapest, und noch ein paar ländern, vertreten hatte, die abhandlung von derlei geschehnissen (die ja per se nichts wirklich aussergewöhnliches sind) anders dargestellt hatte. der jüngling ward darüber informiert, insistierte jedoch auf einem wiederkommen am dienstag, und dann
trat frau kelef eben in sitzstreik. vor der botschaft in budapest.
frau kelef lehnte sich mit dem rücken an den schmiedeeisernen zaun, die sonne schien ihr ins gesicht, die vögel brüllten, die mannschaft schaute verwundert, der jüngling noch verwunderter, frau kelef aber seufzte tief und zufrieden, zog die schuhe aus, streckte die schmutzigen füsse quer über den gehsteig richtung sonne, und teilte dem jüngling mit ihrer süssesten stimme mit, sie hätte jetzt genug, sei nicht mehr fahrtauglich, ergo könne sie den traktor auch nicht von dem für botschaftsangehörige reservierten parkplatz wegbewegen, ergo müsse sie sich jetzt einmal ausschlafen.
weiters sässe sie hier sehr bequem (ein riesiges badetuch hatte sich noch gefunden), und da der jüngling mit oder ohne lockichtem haar sich als uneinsichtig erwiesen habe, hielte frau kelef jetzt eben sitzstreik bis zur erfüllung ihrer wünsche. denn ohne papiere kriege sie ja auch keine unterkunft, und ohne geld könne sie ja auch keine bezahlen, und überhaupt.
und wenn sich bis in einer kleinen weile das alles nicht zu frau kelefs wohlgefallen gelöst haben würde, dann wäre sie glattweg imstande sich aufzuraffen und weitere massnahmen zu ergreifen, als da seien:
weitere ohren- und nerventötende geräuscherzeugung
in der folge: rendörseg
in der folge: anzeige
in der folge: telefon nach hause
in der folge: verständigung der presse
in der folge: nette leute aus frau kelefs freundeskreis würden kommen
in der folge: nette artikel in der presse, gerne auch tv
in der folge: das mit der unterbringung und all diesen dinge würde wohl schnell funktionieren
in der folge: herr jungling hätte wohl einen klitzekleinen erklärungsbedarf mehr
in der folge: das auswärtige amt hätte erst recht einen erklärungsbedarf
in der folge: das könne der jüngling sich ja gerne selber ausmalen
und im übrigen wünsche frau kelef jetzt nicht mehr angeredet zu werden. sie persönlich hielte jetzt eben ihren sitzstreik, und der rest der mannschaft könne machen was er wolle, sie sei jetzt einfach nicht mehr in der lage ihr französisches hollywoodnervenkostüm weiter zu belasten, aus medizinischen und anderen gründen.
to be continued.
... link (15 Kommentare) ... comment
Samstag, 13. März 2010
sitzstreik in budapest, teil 3
kelef, 15:37h
guter rat war teuer. ein telefon wäre eine hilfe gewesen, daber nun gab es an der grenzstation zwar telefone, aber mit denen durfte man mit sicherheit nicht nach hause telefonieren, soviel war sicher.
also zurück nach sopron, sind ja nur ein paar kilometer. dort die mädel und die hunde sicher im auto versperrt, und ein restaurant gesucht. das fand sich, und es fand sich auch ein netter deutscher mann, der frau kelef aufgrund ihrer weinerlich vorgetragenen schauergeschichte ein paar münzen schenkte, und also konnten kinder und hunde befreit und gefüttert werden, und: da war ein telefon. im restaurant. so ein richtiges, von dem aus man auch ohne voranmeldung ins ausland - vor allem nach hause - telefonieren konnte.
die aufgabenstellung war ganz einfach und logisch:
erstens musste der wohnungssitter ausgeforscht werden, damit dieser umgehend in frau kelefs wohnung eilen und von dort die dokumentenmappen von frau kelef, der tochter und den hunden holen möge. wie sonst hätte bewiesen werden können dass frau kelef ist wer sie ist, dass das tochterkind ihre tochter und die hunde die hunde waren?
zweitens mussten die eltern der tochterfreundin verständigt werden, auf dass die dokumentenmappe derselben ebenfalls ausgefasst werden könnte, weil wie sonst hätte bewiesen werden können dass die freundin die freundin ist?
drittens musste irgendwie irgendwer kohle herbeischaffen, weil: ohne geld keine musik. und frau kelef war ja in der zwischenzeit nicht nur scheck-, sondern auch bargeld- und benzinlos.
viertens mussten dokumentenmappen und geld via irgendwen oder irgendwas an die grenze in sopron gebracht werden. und zwar auf der stelle, mehr oder weniger.
und fünftens musste irgendwie eine vollmacht für frau kelef her- und bereitgestellt werden, damit diese denn dann auch die notwendigen papiere für die tochterfreundin erlangen könnte.
nun, punkt eins war am einfachsten, der wohnungssitter war in seiner wohnung anzutelefonieren, und frau kelef ist ein ordentlicher mensch und hat ihre zettelchen immer entsprechend sortiert und ergo auffindbar, auch wenn sie ausser landes ist.
punkt zwei war schon schwieriger, weil wie erklärt man menschen, die erst einmal im leben im ausland waren - in italien, mit der ganzen familie - wie das in einem volksdemokratischen land so abläuft? frau kelef war da ja nach den ddr-erfahrungen nicht nur geläutert, sondern auch erfahren und weder wirklich zu erschüttern noch zu erstaunen durch abstruse grenzerfahrungen, aber das ist eine andere geschichte. und nutzte damals auch gar nichts.
mehrere nervenzusammenbrüche, wein- und schreikrämpfe und so weiter später war den eltern der freundin der tochter klar, was benötigt wurde. der vater der jungen dame hingegen wollte seine arme kleine tochter nicht alleine lassen, und beschloss, er käme mit nach budapest. jetzt und hier und auf der stelle. nichts brachte ihn davon ab, schon gar nicht das heulen seiner tochter, die verbotenerweise nach dem telefonhörer gegrabscht hatte.
geld wurde von den wiener kontaktpersonen in den verschiedenen umliegenden wirtshäusern, der tankstelle, und bei ein paar bekannten zusammengeschnorrt. der vater der tochterfreundin hatte nur drei schecks zur scheckkarte, und einen seeehr begrenzten überziehungsrahmen für sein konto, seine frau hatte weder konto noch geld noch vollmacht für sein konto, konnte also auch den überziehungsrahmen nicht kurzfristig erhöhen lassen, und war überhaupt so innerlich zerstört dass ihr kein vernünftiges wort entkam.
das mit dem transport gestaltete sich wiederum einfacher, denn in einem der wirtshäuser fand sich ein taxifahrer, der gerade mit seiner frau gestritten hatte, und deshalb den kleinen ausflug gerne machte - so musste er nicht nach hause gehen, und zu erzählen hatte er obendrein was.
die sache mit der vollmacht erübrigte sich durch die in aussicht gestellte anwesenheit des vaters der tochterfreundin.
frau kelef trieb nun wieder alles was beine hatte zu paaren, setzte den traktor in betrieb und tuckerte zur grenze.
es dauerte nicht lange, da kam von der österreichischen seite ein wiener taxi angefahren. in der zwischenzeit war es zehn uhr abends vorbei, frau kelef und co. waren seit ca. 15 stunden auf den beinen, und entsprechend nicht mehr ganz so taufrisch, und mit der belastbarkeit stand es auch übel. in der zwischenzeit war es auch ziemlich schwül geworden, das hob die toleranzgrenze aller beteiligten auch nicht wirklich. vom zustand der nervenkostüme an sich wollen wir einmal gar nicht reden.
das taxi durfte sich nach verschiedenen telefonaten seitens der grenzer, nach einer passkontrolle aller darin befindlichen personen, und selbstverständlich erst nach erteilung eines visums pro kopf und nase nähern.
und dann stieg der vater der tochterfreundin aus. wurde schon erwähnt, dass das auto, traktor genannt, ein lada war? wohl ein grosser, viertüriger, aber eben ein lada. und bis an den rand vollgepackt.
der vater der tochterfreundin war, wie soll man sagen, ein wenig überdimensioniert. dick wäre nicht der richtige ausdruck, er war einfach fett. ziemlich fett. bei 1,75 cm hatte er elegante 150 kg, angstschweissgetränkt durch und durch, und olfaktorisch war das durchaus auch dann erkennbar, wenn man fünf meter gegen den wind entfernt von ihm stand - ein angstschwitzer, und das unter diesen umständen und bei dem wetter. schluchzend umarmten sich vater und tochter und bereiteten sich quasi auf ihr baldiges erschossenwerden vor, schien es. frau kelefs tochter war mehrfach auf ihre doch nicht ganz unmassgebliche beteiligung am herrschenden desaster hingewiesen worden und verhielt sich still und unauffällig, was wiederum den grenzern eher auffällig erschien. aber nun ja.
frau kelefs gehirnwindungen ratterten hörbar. die einzige möglichkeit war jetzt, den grenzern beizubringen dass der traktor ausgeladen und die verderbliche ware in das taxi umgeladen werden musste. und ein wenig wäsche etc. ebenfalls, erstens aus platz-, zweitens aus olfaktorischen, drittens aus verderblichkeits- (wurden die salami, der käse, das obst etc. schon erwähnt???), und letztlich auch aus gewichtsgründen.
ist nicht möglich. meinten die grenzer.
ob nicht vielleicht wenigstens die heulenden hunde ...?
ist nicht möglich, meinten die grenzer.
oder die lebensmittel?
siehe oben.
einige tränenflüsse seitens der mädels und des vaters der tochterfreundin später wurde wieder telefoniert, dann kam ein verständnisvoller grenzer herangeschritten und meinte, na gut, das sei ja nun wirklich, aber er müsse genau kontrollieren was da von dem einen auto in das andere geladen würde, denn es habe ja vorhin den zwischenfall gegeben, die schmuggler würden immer noch gesucht, und man könne ja nie wissen was die leute so über die grenze zu bringen gedächten. also müsse er kontrollieren, und zwar stück für stück. und die hunde müssten mit nach budapest, weil ohne papiere ginge da gar nichts.
dicke, dunkle wolken zogen auf, und es begann ganz leicht zu regnen.
am grenzübergang sopron - es war in der zwischenzeit fast mitternacht, standen:
das wiener taxi
der traktor
der taxifahrer
der wohnungssitter
frau kelef
die tochter
die tochterfreundin
der tochterfreundinvater
zwei rauhaardackel
mehrere grenzsoldaten
in trauter vielsamkeit und sortierten aus einem kofferraum in den anderen. sorgsam und pfleglich, stück für stück.
die lebensmittel wurden einzeln kontrolliert, wem gehört welche stange salami, wem welches glas gurken, und wem welcher käse, welche melone, welche limo, der wein ist aber nicht der von den mädchen?
die grosse wäsche, also badetücher, handtücher, pölster, decken, das war alles im fahrgastraum verstaut, alles leicht eingesandet und partiell nach nassem-hund-nach-schlammbad-mit-totem-fisch duftend, teils sassen die mädels darauf, teils die hunde, ein wenig lag auf der hutablage und ein wenig vor und auf dem beifahrersitz.
alles raus und bis auf drei decken ins taxi damit. lebensmittel, badetücher, decken, flaschen, ein wenig hundezubehör, frisbeescheiben etc. waren also schon einmal zumindest gedanklich in österreich.
dann kofferraum wieder auf, das zelt blieb unten liegen, und herr grenzdirektor holte die reisetaschen heraus. die mit der getragenen wäsche, dem waschzeug, und was man sonst noch so mithat.
und dann - noch heute erzeugt der gedanke eine ganz leise gänsehaut - geschah das unglaubliche. herr grenzdirektor besah sich die etiketten. die der wäsche. die der unterwäsche, und zwar einzeln.
die reisetasche der freundin der tochter war unproblematisch, zwar wurde jedes stück einzeln angeschaut, das arme kind wusste nicht ob es rot oder blass oder bewusstlos werden sollte, unterwäsche, badeanzüge, schuhe, schlapfen, alles zurück in die tasche und gut.
dann kam frau kelefs tasche dran, auch da herrschte grosse begeisterung ob der unterwäsche-, bademoden- und t-shirtshow, was gibt es denn auch schöneres als ein paar unbekannte männer die zu mitternächtlicher stunde bei leichtem nieselregen eine getragene unterhose nach der anderen im laternenlicht eines grenzüberganges auseinanderschütteln und von allen seiten begutachten? alles zurück in die tasche und gut.
und dann griff er nach der tasche von frau kelefs tochter, und frau kelef schwante böses, arg böses, und sie blickte den grenzdirektor an, dieser griff nach der ersten unterhose der tochter, beäugte das etikett, er erblasste, er schaute noch einmal genau, und beäugte eine zweite unterhose, ein leibchen, ein t-shirt, und er richtete sich zu doppelter höhe auf, und meinte, unter diesen umständen könne er jetzt gar nichts tun, man müsste auf höhere dienstränge warten, die wären aber erst montags verfügbar. das sei ja unglaublich, eine katastrophe, ein skandal, ...
was geschehen war? nun, das war gar nicht so einfach, oder eigentlich doch, man musste es nur wissen.
in den volksdemokratischen ländern wurde ja viel vom staat gesponsert, besonders kindersachen. und in der zeit ihrer tätigkeit in der ddr hatte frau kelef der tochter eine menge sachen dort gekauft, unter anderem, sie erraten es, wäsche. und kinderwäsche - sie erraten es ebenfalls - war gesponsert und durfte nur ausgeführt werden wenn das betreffende kind auch in dem betreffenden land gelebt hatte. die tochter von frau kelef hatte ja ein paar monate in der ddr gelebt, und also war alles rechtens und mit dem arbeitsvisum der mutter und dem besuchsvisum der tochter war damals eine verbringung ausser landes anstandslos möglich gewesen.
und die qualität war, das muss auch gesagt werden, wirklich hervorragend, ebenso design und passform, und natürlich hatte frau kelef damals die gelegenheit wahrgenommen und ein klitzekleinwenig auf vorrat gekauft, unterwäsche etc. kann man ja nicht genug haben, und wenn die sachen am anfang ein wenig grösser waren: man konnte sie ja auch zwei jahre später anziehen.
aber wie das mit den volkseigenen betrieben (vebs) so war, produzierte ein betrieb für den halben ostblock, quasi, und was in einem land gesponsert wurde, das wurde meist auch in den anderen ländern gesponsert. und ergo war eine menge der in ungarn verkauften kinderwäsche und -kleidung eben aus einem veb der ddr.
und nun stand da ein ungarischer grenzer, genaugenommen standen da mehrere, und jeder hielt mit zur seite geneigtem kopf eine getragene kinderunterhose in der hand und entzifferte die etiketten. veb, veb, veb, leibchen: veb, bluse: veb, t-shirt: veb, badeanzug: veb.
und sie sprachen hmhmhm und tststs,
frau kelef wurde schlecht.
kinderunterwäsche aus ungarn auszuführen sei bei hoher strafe verboten.
ist nicht aus ungarn, ist aus der ddr.
das kann nicht sein.
kann doch, sehr wohl, frau kelef habe in der ddr gearbeitet, das kind sei ebenfalls dort gewesen, alles rechtens.
das kann nicht sein.
wohl. ist sogar ganz sicher so.
ob frau kelef das beweisen könne? weil ansonsten drohten hohe geldstrafen, möglicherweise schlimmeres.
wegen kinderunterhosen?
ja.
klar könne frau kelef das beweisen, aber eigentlich nicht, denn arbeits- und besuchsvisa waren, sie erraten es, in den reisepässen, und die waren in der handtasche gewesen, und die war ja nun nicht mehr da, was ja auslöser dieses lustvollen disputs sei.
also kinderunterwäsche und -kleidung aus ungarn ausführen, das ginge nun aber gar nicht.
die diskussion zog sich eine weile, dann war das glück frau kelef und konsorten doch noch hold:
der wohnungssitter hatte in der eile einfach alle dokumentenmappen mitgenommen, und so fand sich denn zumindest der arbeitsvertrag für die ddr, und im hundedokumentenpool fanden sich ein paar alte grenzübertrittsgesundheitsbescheinigungszeugnisse der poliklinik für kleintiere in eisenhüttenstadt, für die dame elsa, und auch ein paar dokumente zur genehmigung der einfuhr eines fernsehapparates und einer elektrischen nähmaschine des binnenzollamtes frankfurt/oder, und diese wichtigen dokumente aus den jahren 1983/84 belegten den wahrheitsgehalt der getätigten aussagen und somit auch den rechtmässigen besitz der zur debatte stehenden kinderunterhosen und sonstigen kleidungsstücke, und so wurde frau kelef dann doch nicht inhaftiert, sondern durfte weiter sortieren, und sogar die getragenen kinderunterhosen vom lada in das taxi laden.
es war in der zwischenzeit zwei uhr früh geworden, und es regnete in strömen, alle waren pitschepatschenass, die notwendigsten dinge waren im lada, der rest im taxi, man verabschiedete sich, und während der wohnungssitter mit dem taxler nach wien zurückkehrte, da trieb frau kelef wieder einmal alles zu paaren und in den traktor.
leider konnte der vater der tochterfreundin nicht vorschriftsmässig angeschnallt werden weil in einem russischen auto einfach keine so dicken menschen transportiert werden dürfen und also der sicherheitsgurt zu kurz war, die russen scheinen damals ein mageres volk gewesen zu sein, aber wen wundert es. auch ersatzbrile war keine vorhanden, andererseits auch kein führerschein und keine fahrzeugpapiere, eigentlich hätte man - nach geltendem volksdemokratischem recht - den vater der tochterfreundin mit dem zug nach budapest schicken oder hinter dem auto nachlaufen lassen müssen, und frau kelef - die allerdings die einzige führerscheinbesitzerin - eigentlich ja aber auch nicht - war, hätte also den wagen nicht lenken dürfen, aber sei's drum, dachte sie , und man fuhr erst zu einer tankstelle, tankte voll (selten so auf reserve gefahren wie damals) und dann gen budapest.
sind sie schon einmal, nachdem sie neunzehn oder mehr stunden auf den beinen waren und eines gutteils ihres nervenkostüms verlustig gegangen waren, in einem krängenden lada auf einer zweispurigen volksdemokratischen betonplattenautobahn im strömenden regen ein paar hundert kilometer gefahren, während neben ihnen ein fettkoloss sich im wahrsten sinne des wortes einen wolf schwitzt und ihnen weinerlich/ängstlich ein ohr ablabert, und auf der rückbank zwei schluchzende, sich gegenseitig abwechselnd beschuldigende und tröstende elfjährige sowie zwei schon ziemlich übellaunige rauhaardackel um den nichtvorhandenen platz streiten?
wenn sie können: vermeiden sie dies.
to be continued.
also zurück nach sopron, sind ja nur ein paar kilometer. dort die mädel und die hunde sicher im auto versperrt, und ein restaurant gesucht. das fand sich, und es fand sich auch ein netter deutscher mann, der frau kelef aufgrund ihrer weinerlich vorgetragenen schauergeschichte ein paar münzen schenkte, und also konnten kinder und hunde befreit und gefüttert werden, und: da war ein telefon. im restaurant. so ein richtiges, von dem aus man auch ohne voranmeldung ins ausland - vor allem nach hause - telefonieren konnte.
die aufgabenstellung war ganz einfach und logisch:
erstens musste der wohnungssitter ausgeforscht werden, damit dieser umgehend in frau kelefs wohnung eilen und von dort die dokumentenmappen von frau kelef, der tochter und den hunden holen möge. wie sonst hätte bewiesen werden können dass frau kelef ist wer sie ist, dass das tochterkind ihre tochter und die hunde die hunde waren?
zweitens mussten die eltern der tochterfreundin verständigt werden, auf dass die dokumentenmappe derselben ebenfalls ausgefasst werden könnte, weil wie sonst hätte bewiesen werden können dass die freundin die freundin ist?
drittens musste irgendwie irgendwer kohle herbeischaffen, weil: ohne geld keine musik. und frau kelef war ja in der zwischenzeit nicht nur scheck-, sondern auch bargeld- und benzinlos.
viertens mussten dokumentenmappen und geld via irgendwen oder irgendwas an die grenze in sopron gebracht werden. und zwar auf der stelle, mehr oder weniger.
und fünftens musste irgendwie eine vollmacht für frau kelef her- und bereitgestellt werden, damit diese denn dann auch die notwendigen papiere für die tochterfreundin erlangen könnte.
nun, punkt eins war am einfachsten, der wohnungssitter war in seiner wohnung anzutelefonieren, und frau kelef ist ein ordentlicher mensch und hat ihre zettelchen immer entsprechend sortiert und ergo auffindbar, auch wenn sie ausser landes ist.
punkt zwei war schon schwieriger, weil wie erklärt man menschen, die erst einmal im leben im ausland waren - in italien, mit der ganzen familie - wie das in einem volksdemokratischen land so abläuft? frau kelef war da ja nach den ddr-erfahrungen nicht nur geläutert, sondern auch erfahren und weder wirklich zu erschüttern noch zu erstaunen durch abstruse grenzerfahrungen, aber das ist eine andere geschichte. und nutzte damals auch gar nichts.
mehrere nervenzusammenbrüche, wein- und schreikrämpfe und so weiter später war den eltern der freundin der tochter klar, was benötigt wurde. der vater der jungen dame hingegen wollte seine arme kleine tochter nicht alleine lassen, und beschloss, er käme mit nach budapest. jetzt und hier und auf der stelle. nichts brachte ihn davon ab, schon gar nicht das heulen seiner tochter, die verbotenerweise nach dem telefonhörer gegrabscht hatte.
geld wurde von den wiener kontaktpersonen in den verschiedenen umliegenden wirtshäusern, der tankstelle, und bei ein paar bekannten zusammengeschnorrt. der vater der tochterfreundin hatte nur drei schecks zur scheckkarte, und einen seeehr begrenzten überziehungsrahmen für sein konto, seine frau hatte weder konto noch geld noch vollmacht für sein konto, konnte also auch den überziehungsrahmen nicht kurzfristig erhöhen lassen, und war überhaupt so innerlich zerstört dass ihr kein vernünftiges wort entkam.
das mit dem transport gestaltete sich wiederum einfacher, denn in einem der wirtshäuser fand sich ein taxifahrer, der gerade mit seiner frau gestritten hatte, und deshalb den kleinen ausflug gerne machte - so musste er nicht nach hause gehen, und zu erzählen hatte er obendrein was.
die sache mit der vollmacht erübrigte sich durch die in aussicht gestellte anwesenheit des vaters der tochterfreundin.
frau kelef trieb nun wieder alles was beine hatte zu paaren, setzte den traktor in betrieb und tuckerte zur grenze.
es dauerte nicht lange, da kam von der österreichischen seite ein wiener taxi angefahren. in der zwischenzeit war es zehn uhr abends vorbei, frau kelef und co. waren seit ca. 15 stunden auf den beinen, und entsprechend nicht mehr ganz so taufrisch, und mit der belastbarkeit stand es auch übel. in der zwischenzeit war es auch ziemlich schwül geworden, das hob die toleranzgrenze aller beteiligten auch nicht wirklich. vom zustand der nervenkostüme an sich wollen wir einmal gar nicht reden.
das taxi durfte sich nach verschiedenen telefonaten seitens der grenzer, nach einer passkontrolle aller darin befindlichen personen, und selbstverständlich erst nach erteilung eines visums pro kopf und nase nähern.
und dann stieg der vater der tochterfreundin aus. wurde schon erwähnt, dass das auto, traktor genannt, ein lada war? wohl ein grosser, viertüriger, aber eben ein lada. und bis an den rand vollgepackt.
der vater der tochterfreundin war, wie soll man sagen, ein wenig überdimensioniert. dick wäre nicht der richtige ausdruck, er war einfach fett. ziemlich fett. bei 1,75 cm hatte er elegante 150 kg, angstschweissgetränkt durch und durch, und olfaktorisch war das durchaus auch dann erkennbar, wenn man fünf meter gegen den wind entfernt von ihm stand - ein angstschwitzer, und das unter diesen umständen und bei dem wetter. schluchzend umarmten sich vater und tochter und bereiteten sich quasi auf ihr baldiges erschossenwerden vor, schien es. frau kelefs tochter war mehrfach auf ihre doch nicht ganz unmassgebliche beteiligung am herrschenden desaster hingewiesen worden und verhielt sich still und unauffällig, was wiederum den grenzern eher auffällig erschien. aber nun ja.
frau kelefs gehirnwindungen ratterten hörbar. die einzige möglichkeit war jetzt, den grenzern beizubringen dass der traktor ausgeladen und die verderbliche ware in das taxi umgeladen werden musste. und ein wenig wäsche etc. ebenfalls, erstens aus platz-, zweitens aus olfaktorischen, drittens aus verderblichkeits- (wurden die salami, der käse, das obst etc. schon erwähnt???), und letztlich auch aus gewichtsgründen.
ist nicht möglich. meinten die grenzer.
ob nicht vielleicht wenigstens die heulenden hunde ...?
ist nicht möglich, meinten die grenzer.
oder die lebensmittel?
siehe oben.
einige tränenflüsse seitens der mädels und des vaters der tochterfreundin später wurde wieder telefoniert, dann kam ein verständnisvoller grenzer herangeschritten und meinte, na gut, das sei ja nun wirklich, aber er müsse genau kontrollieren was da von dem einen auto in das andere geladen würde, denn es habe ja vorhin den zwischenfall gegeben, die schmuggler würden immer noch gesucht, und man könne ja nie wissen was die leute so über die grenze zu bringen gedächten. also müsse er kontrollieren, und zwar stück für stück. und die hunde müssten mit nach budapest, weil ohne papiere ginge da gar nichts.
dicke, dunkle wolken zogen auf, und es begann ganz leicht zu regnen.
am grenzübergang sopron - es war in der zwischenzeit fast mitternacht, standen:
das wiener taxi
der traktor
der taxifahrer
der wohnungssitter
frau kelef
die tochter
die tochterfreundin
der tochterfreundinvater
zwei rauhaardackel
mehrere grenzsoldaten
in trauter vielsamkeit und sortierten aus einem kofferraum in den anderen. sorgsam und pfleglich, stück für stück.
die lebensmittel wurden einzeln kontrolliert, wem gehört welche stange salami, wem welches glas gurken, und wem welcher käse, welche melone, welche limo, der wein ist aber nicht der von den mädchen?
die grosse wäsche, also badetücher, handtücher, pölster, decken, das war alles im fahrgastraum verstaut, alles leicht eingesandet und partiell nach nassem-hund-nach-schlammbad-mit-totem-fisch duftend, teils sassen die mädels darauf, teils die hunde, ein wenig lag auf der hutablage und ein wenig vor und auf dem beifahrersitz.
alles raus und bis auf drei decken ins taxi damit. lebensmittel, badetücher, decken, flaschen, ein wenig hundezubehör, frisbeescheiben etc. waren also schon einmal zumindest gedanklich in österreich.
dann kofferraum wieder auf, das zelt blieb unten liegen, und herr grenzdirektor holte die reisetaschen heraus. die mit der getragenen wäsche, dem waschzeug, und was man sonst noch so mithat.
und dann - noch heute erzeugt der gedanke eine ganz leise gänsehaut - geschah das unglaubliche. herr grenzdirektor besah sich die etiketten. die der wäsche. die der unterwäsche, und zwar einzeln.
die reisetasche der freundin der tochter war unproblematisch, zwar wurde jedes stück einzeln angeschaut, das arme kind wusste nicht ob es rot oder blass oder bewusstlos werden sollte, unterwäsche, badeanzüge, schuhe, schlapfen, alles zurück in die tasche und gut.
dann kam frau kelefs tasche dran, auch da herrschte grosse begeisterung ob der unterwäsche-, bademoden- und t-shirtshow, was gibt es denn auch schöneres als ein paar unbekannte männer die zu mitternächtlicher stunde bei leichtem nieselregen eine getragene unterhose nach der anderen im laternenlicht eines grenzüberganges auseinanderschütteln und von allen seiten begutachten? alles zurück in die tasche und gut.
und dann griff er nach der tasche von frau kelefs tochter, und frau kelef schwante böses, arg böses, und sie blickte den grenzdirektor an, dieser griff nach der ersten unterhose der tochter, beäugte das etikett, er erblasste, er schaute noch einmal genau, und beäugte eine zweite unterhose, ein leibchen, ein t-shirt, und er richtete sich zu doppelter höhe auf, und meinte, unter diesen umständen könne er jetzt gar nichts tun, man müsste auf höhere dienstränge warten, die wären aber erst montags verfügbar. das sei ja unglaublich, eine katastrophe, ein skandal, ...
was geschehen war? nun, das war gar nicht so einfach, oder eigentlich doch, man musste es nur wissen.
in den volksdemokratischen ländern wurde ja viel vom staat gesponsert, besonders kindersachen. und in der zeit ihrer tätigkeit in der ddr hatte frau kelef der tochter eine menge sachen dort gekauft, unter anderem, sie erraten es, wäsche. und kinderwäsche - sie erraten es ebenfalls - war gesponsert und durfte nur ausgeführt werden wenn das betreffende kind auch in dem betreffenden land gelebt hatte. die tochter von frau kelef hatte ja ein paar monate in der ddr gelebt, und also war alles rechtens und mit dem arbeitsvisum der mutter und dem besuchsvisum der tochter war damals eine verbringung ausser landes anstandslos möglich gewesen.
und die qualität war, das muss auch gesagt werden, wirklich hervorragend, ebenso design und passform, und natürlich hatte frau kelef damals die gelegenheit wahrgenommen und ein klitzekleinwenig auf vorrat gekauft, unterwäsche etc. kann man ja nicht genug haben, und wenn die sachen am anfang ein wenig grösser waren: man konnte sie ja auch zwei jahre später anziehen.
aber wie das mit den volkseigenen betrieben (vebs) so war, produzierte ein betrieb für den halben ostblock, quasi, und was in einem land gesponsert wurde, das wurde meist auch in den anderen ländern gesponsert. und ergo war eine menge der in ungarn verkauften kinderwäsche und -kleidung eben aus einem veb der ddr.
und nun stand da ein ungarischer grenzer, genaugenommen standen da mehrere, und jeder hielt mit zur seite geneigtem kopf eine getragene kinderunterhose in der hand und entzifferte die etiketten. veb, veb, veb, leibchen: veb, bluse: veb, t-shirt: veb, badeanzug: veb.
und sie sprachen hmhmhm und tststs,
frau kelef wurde schlecht.
kinderunterwäsche aus ungarn auszuführen sei bei hoher strafe verboten.
ist nicht aus ungarn, ist aus der ddr.
das kann nicht sein.
kann doch, sehr wohl, frau kelef habe in der ddr gearbeitet, das kind sei ebenfalls dort gewesen, alles rechtens.
das kann nicht sein.
wohl. ist sogar ganz sicher so.
ob frau kelef das beweisen könne? weil ansonsten drohten hohe geldstrafen, möglicherweise schlimmeres.
wegen kinderunterhosen?
ja.
klar könne frau kelef das beweisen, aber eigentlich nicht, denn arbeits- und besuchsvisa waren, sie erraten es, in den reisepässen, und die waren in der handtasche gewesen, und die war ja nun nicht mehr da, was ja auslöser dieses lustvollen disputs sei.
also kinderunterwäsche und -kleidung aus ungarn ausführen, das ginge nun aber gar nicht.
die diskussion zog sich eine weile, dann war das glück frau kelef und konsorten doch noch hold:
der wohnungssitter hatte in der eile einfach alle dokumentenmappen mitgenommen, und so fand sich denn zumindest der arbeitsvertrag für die ddr, und im hundedokumentenpool fanden sich ein paar alte grenzübertrittsgesundheitsbescheinigungszeugnisse der poliklinik für kleintiere in eisenhüttenstadt, für die dame elsa, und auch ein paar dokumente zur genehmigung der einfuhr eines fernsehapparates und einer elektrischen nähmaschine des binnenzollamtes frankfurt/oder, und diese wichtigen dokumente aus den jahren 1983/84 belegten den wahrheitsgehalt der getätigten aussagen und somit auch den rechtmässigen besitz der zur debatte stehenden kinderunterhosen und sonstigen kleidungsstücke, und so wurde frau kelef dann doch nicht inhaftiert, sondern durfte weiter sortieren, und sogar die getragenen kinderunterhosen vom lada in das taxi laden.
es war in der zwischenzeit zwei uhr früh geworden, und es regnete in strömen, alle waren pitschepatschenass, die notwendigsten dinge waren im lada, der rest im taxi, man verabschiedete sich, und während der wohnungssitter mit dem taxler nach wien zurückkehrte, da trieb frau kelef wieder einmal alles zu paaren und in den traktor.
leider konnte der vater der tochterfreundin nicht vorschriftsmässig angeschnallt werden weil in einem russischen auto einfach keine so dicken menschen transportiert werden dürfen und also der sicherheitsgurt zu kurz war, die russen scheinen damals ein mageres volk gewesen zu sein, aber wen wundert es. auch ersatzbrile war keine vorhanden, andererseits auch kein führerschein und keine fahrzeugpapiere, eigentlich hätte man - nach geltendem volksdemokratischem recht - den vater der tochterfreundin mit dem zug nach budapest schicken oder hinter dem auto nachlaufen lassen müssen, und frau kelef - die allerdings die einzige führerscheinbesitzerin - eigentlich ja aber auch nicht - war, hätte also den wagen nicht lenken dürfen, aber sei's drum, dachte sie , und man fuhr erst zu einer tankstelle, tankte voll (selten so auf reserve gefahren wie damals) und dann gen budapest.
sind sie schon einmal, nachdem sie neunzehn oder mehr stunden auf den beinen waren und eines gutteils ihres nervenkostüms verlustig gegangen waren, in einem krängenden lada auf einer zweispurigen volksdemokratischen betonplattenautobahn im strömenden regen ein paar hundert kilometer gefahren, während neben ihnen ein fettkoloss sich im wahrsten sinne des wortes einen wolf schwitzt und ihnen weinerlich/ängstlich ein ohr ablabert, und auf der rückbank zwei schluchzende, sich gegenseitig abwechselnd beschuldigende und tröstende elfjährige sowie zwei schon ziemlich übellaunige rauhaardackel um den nichtvorhandenen platz streiten?
wenn sie können: vermeiden sie dies.
to be continued.
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