Montag, 13. September 2010
westkontakt
war in der ddr ja eine ziemlich diffizile sache, die einerseits mit allen möglichen mitteln verhindert wurde, aber andererseits natürlich auch gefördert, so der arbeiter- und bauernstaat denn der meinung war man könne dinge in erfahrung bringen die ... nun ja.

jedenfalls, wenn man so ein wenig herumliest im internet am heiligen montagvormittag, da kommt man dann bei lanu auf diesen beitrag: http://lanu.blogger.de/stories/1694771, und dann fühlt man sich ein wenig erinnert, und folgt dem link. und dann findet man dieses bild: http://www.flickr.com/photos/ehstiques/2643838124/ und man erinnert sich, und man findet auch das blog zum bild, mit einer geschichte zum bild: http://eisen.huettenstadt.de/archives/1139-Ein-Fakt,-ein-Ort-Zwei-Dinge,-die-wir-vergessen-haben..html, und man erinnert sich, denn natürlich kennt frau kelef zu diesem bild auch eine eigene geschichte.

anno dunnemals also, als es die ddr noch gab und diese bushaltestelle noch angefahren wurde von linienbussen (einmal die stunde, wenn die erinnerung nicht trügt), da war auf der anderen strassenseite ein grosser parkplatz, dahinter das camp der vöest alpine (natürlich mit einem eigenen portierhäuschen, war ja exterritoriales gebiet), und dahinter war eko (eisenhüttenkombinat ost), das riesenstahlwerk.

nun war es aber so, dass die ddr zwar den betrieb des camps der vöest überlassen hatte, aber ein teil des küchenfussvolkes und die reinigungskräfte stellte der staat. alles hochkompetente und strafversetzte oder belohnungsversetzte fachkräfte (die gründe für die versetzungen brauche ich jetzt hier nicht zu erläutern, nehme ich einmal an.). organisiert wurden diese leute vom hotel metropol aus, in dem - aber das sind sicherlich nur böse gerüchte - auch verschiedene stasi-organisationen sassen.

besonders das küchenpersonal hatte nichts zu lachen, denn die hatten ja - wie das in küchen so zu sein pflegt - manchmal auch früh- und abenddienste. und damit sich ja kein kontakt entwickeln konnte zwischen ost und west, und besonders nicht zwischen leuten die miteinander arbeiten mussten, da durften die meisten der metropol-leute natürlich nicht in eisenhüttenstadt wohnen, sondern wurden aus berlin herbeigekarrt, tagtäglich, und wieder zurückgekarrt, ebenfalls tagtäglich. in einem uralten barkas, der aus allen rostlöchern absonderliches absonderte, merkwürdige geräusche von sich gab, oftmals streikte und auch ansonsten wenig vertrauen einflösste. aber er kam vom hotel metropol, und somit war er natürlich das mass aller dinge.

wenn zuviel personal nötig wurde, und der barkas die fahrten nicht schaffte, dann durften ausgewählte personen des staatsvertrauens im bettenhaus in eisenhüttenstadt übernachten, manchmal sogar mehrere tage hintereinander, und ab und zu wurde denen das sogar vorher verraten, dass sie das durften. da sagen sie jetzt nix mehr, was?

die meisten von denen waren übrigens sehr nett, fleissig, gut ausgebildet, arbeitswillig und hilfsbereit, aber immer war es ein seiltanz: sie hatten den auftrag uns zu sabotieren einerseits (da gab es dann sozialistische erich-karma-punkte dafür), andererseits wollten die aber einfach ihre arbeit machen, vielleicht ein wenig lernen (in der küche gab es ein paar hervorragende köche), und auch das management eines so grossen küchenbetriebes war ja nicht ohne. es gab zudem eine eigene fleischerei (es wurden z.b. zehn ganze schweine bestellt, und drei rindviecher, und noch wurst und speck und würstel und selchgift, das alles reichte dann auch eine woche lang), es gab einen mehlspeiskoch, das war auch für nicht-koch-interessierte interessant, so grundsätzlich einmal.

speziell matze a. war ein toller mitarbeiter. gelernter koch, hochqualifiziert, fleissig, gescheit, verheiratet, zwei kinder, ergo auch gar nicht erpressbar: ein falsches wort, und schon sah er die familie wieder vier wochen lang nicht. der musste wie die anderen wollten, das nutzte dem nix, aber er war willig. wir einigten uns. seine leute kriegten ein paar kaputte geräte zum sabotieren, die guten geräte blieben unangetastet so dass man arbeiten konnte. an die dreitausend leute, die hunger haben und nix zu essen kriegen weil die nächste einkaufsmöglichkeit fünf kilometer entfernt ist und die mittagspause nur eine stunde und - sie wollen das nicht wissen. niemand von uns wollte das so genau wissen.

matze hätte man eigentlich fast heiligsprechen sollen. er schaffte den seiltanz souverän und elegant und ohne jemanden in die pfanne zu hauen oder irgendwem auf die zehen zu steigen, irgendwie hielt er auch seine leute auf dem richtigen kurs ohne den falschen zu verraten wie der hase lief, und ohne sich zu outen.

und nun, es war auch einmal dezember, es war kalt, und was so im oderbruch an wind zwischen den kaputten bäumen im unterholzbefreiten und russenmiitärbesiedelten pseudo-wald herumpfiff und schneewehen und sonstigen dreck mit sich brachte, das war so ein eigenes kapitel. einmal war der wind so stark, dass eine wohnbaracke, die im damaligen moment falsch zur windrichtung stand, mit stahlseilen an der eigenständigen entfernung vom gelände gehindert werden musste. gott sei dank hing das ding zudem noch an den langen fernwärmerohren, sonst: man weiss es nicht.

jedenfalls, es war winter, es stürmte und schneewehte und war gar schaurig kalt. der barkas verflog sich auf der autobahn zwischen berlin und frankfurt/oder, und kam nicht. und kam nicht. und kam nicht. irgendwann kam dann ein anruf, der barkas sei aufgrund eines gebrechens von der fahrbahn abgekommen und es müsse auf ein transportvehikel gewartet werden, der fahrer sitze in irgendeinem ort und könne auch nicht weiter. die metropol-leute (also matze und seine mannen) sollten doch mit dem linienbus, der doch gleich vor dem camp eine haltestelle habe, nach ei-hü fahren und dort im bettenhaus übernachten, es sei telefonisch schon alles arrangiert.

und nun sehen sie sich das foto bitte noch einmal genau an. so sah das damals auch schon aus. nur mit ohne grün und dafür mit schneewehen und minusgraden und windstärke 100 und darüber.

wohlerzogen wie die metropol-leute waren, latschten sie also von der küche durch das camp (mit züchtig niedergeschlagenen augen, sie hätten ja was westliches sehen können, und eigentlich war ihnen der durchgang ja verboten) am portier vorbei und über den riesigen parkplatz zur bushaltestelle. leiderleider war es den organisatoren im fernen berlin entgangen dass der linienbus - sie erraten es - seinen betrieb um 20.00 uhr eingestellt hatte. die küche hatte um 22.00 uhr geschlossen.

telefon gab es beim portier, matze kam also zurück und fragte mal nach, ob man telefonieren könne, und ja, natürlich konnte man, nur die order aus berlin war: das sei ein linienbus, der werde schon kommen. später.

wir könnten doch die paar leute mit unseren pkws in die stadt bringen, meinten wir, aber metropol meinte: neeneenee. kein westkontakt, steht im vertrag. wenn der bus nicht käme, müssten die leute eben zu fuss gehen.

ja nee, is klar. acht kilometer in summe in der finsternis der nacht bei schneesturm und minusgraden. ob wir die begräbnisse gleich bestellen sollten oder noch damit warten, wegen sonderwünschen der angehörigen?

fand metropol nicht lustig. matze und seine mannen konnten auch nur mehr verzerrt grinsen, wegen der eiskristalle an den brauen.

metropol lenkte ein: der linienbus, habe man erfahren, sei eingestellt im moment aus wettergründen. man werde aber einen bus schicken, die leute sollten sich in der zwischenzeit im wartehäuschen unterstellen, damit sie sich nicht verkühlten. beim portier im warmen warten sei selbstverständlich undenkbar, weil wegen: im vertrag stehe doch: kein westkontakt.

und da hat frau kelef die einheitsmodelle des ostblocks schätzen gelernt, ich sag ihnen. um das überleben der "metropoler" zu sichern wurde tee mit geschmack (könnte man auch rum, hochprozentig, nennen) gekocht, in thermosflaschen gefüllt, und in einer tasche, die der die matze besass aufs haar glich, zusammen mit einigen bechern beim portier unter der taschenablage abgestellt. matze tauschte dann bei seinen halbstündigen nachfragen die taschen, und es darf davon ausgegangen werden dass die mannschaft, als so gegen ein uhr früh der bus aus berlin kam, ein klitzekleinwenig beeinträchtigt war, was allerdings natürlich ausschliesslich den wetterverhältnissen geschuldet war.

immerhin war aber der westkontakt auf dem niedrigst möglichen niveau gehalten worden, theoretisch. und bis auf ein paar ordentliche erkältungen (ob wir wohl mehr geschmack ...???) gingen auch alle unbeschädigt aus dem abenteuer heraus.

und dass jemand die bushaltestelle fotografisch festgehalten hat, das freut. sehr.

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Dienstag, 7. September 2010
sopron - der bahnhof I
weil ich vorige woche in sopron war und ausnahmsweise den fotoapparat nicht vergessen hatte, kann ich hier noch ein paar bildchen zeigen von wie es heute dort ausschaut. es hat sich ja wirklich nicht viel geändert, egal ob man beim aussteigen nach unten schaut



oder nach oben



auch die alten wasserspender stehen immer noch herum, und knapp daneben ist nicht auch vorbei, sondern da steht ein kleiner blumentrog



was mich wieder einmal daran erinnert dass die perrons besonders der kleinen ungarischen bahnhöfe irgendwie einladender ausschau(t)en als die vieler anderer länder. warum auch immer das so ist. zudem darf angemerkt werden dass die perrons sehr sauber sind, es sei denn, ein paar junge österreicher warten dort zehn minuten lang auf einen zug. dann liegen nämlich in zehn metern umkreis papierln, dosen, kaugummis etc. herum, ich vermute einmal es handelt sich dabei um einen genetischen defekt der grenzgänger.

der alte wachturm steht auch immer noch,



aber wenn man genau schaut ist zu erkennen dass da wohl schon lange niemand mehr ausschau nach was auch immer gehalten hat



aus dieser richtung fahren die züge in den bahnhof ein



und das wäre - wenn es denn hätte sein sollen - zumindest einmal die richtige richtung gewesen, damals:



wenn man von den hinteren perrons richtung ausgang will, dann muss man übrigens erst einmal hier hinunter



dann durch einen endlos lang erscheinenden gang



und dann natürlich wieder hinauf, richtung ausgang, ist auch ordentlich beschildert:



in der bahnhofshalle hat man mich und den fotoapparat auch nach all den jahren noch ziemlich böse angeschaut - was man einmal lernte vergisst man eben nicht so leicht, und in einem bahnhof fotografieren war ja jetzt nicht sooo erwünscht, unter manchen regierungen. deshalb gibt es davon auch: keine bilder.

von aussen sieht der bahnhof dann so aus:



zu der meinung der ungarn zur eu hab ich jetzt offiziell einmal keine meinung, sicherheitshalber, aber vielleicht ist ja der zustand der fahnen erklärung genug:



man muss ja nicht immer alles in worte fassen, nicht wahr.

die stadt sopron kann man jetzt übrigens auch mit einem zug besichtigen, sogar mit einem ganz neuen, modernen, wenn man denn gerne möchte:



viele häuser sind - zumindest frontal, sozusagen - schon sehr schön restauriert, manche weniger



geht eben nicht alles von heute auf morgen. wenn ich das nächste mal mehr zeit und den fotoapparat wieder mit habe, dann könnte ich ja ... mal sehen.

und so, falls es jemanden aus nostalgischen oder anderen gründen noch interessieren sollte, sieht das niemandsland zwischen ungarn und österreich immer noch aus, kilometerweit:



da hat sich jetzt auch nicht wirklich was verändert.

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Sonntag, 5. September 2010
wolle und stricken
eine geschichte für die strickerinnen, wollfetischistinnen und solche, die es gerne noch werden wollen.

die frau, die mich geboren hat - hier bereits bekannt als "die böse frau" - konnte stricken. und zwar ziemlich gut, man könnte auch sagen ausgezeichnet. und zum stricken braucht man wolle. so weit, so gut.

wolle kann man - wie viele andere dinge auch - natürlich bei sonderangeboten, geschäftsauflösungen, von bekannten die sich mal im stricken versuchen wollten und dann scheiterten, und bei vielen anderen gelegenheiten sehr kostengünstig erwerben. wenn man grössere mengen kauft kriegt man auch einen rabatt.

nun war es so, dass die böse frau im krieg aus der not eine tugend gemacht hatte und während der nachtdienste auf dem postamt und später in der bank eben strickte. und zwar für die kriegsüblichen tauschgeschäfte: ein pullover aus einer aufgetrennten weste gegen ein totes huhn, oder eine weste aus zwei aufgetrennten pullovern gegen einen sack erdäpfel. an und für sich war das ja eine lobenswerte einstellung, verstehen sie mich nicht falsch hier. und sie konnte es wirklich gut, zum unterschied von ihrer mutter, die dafür nähte, ebenfalls aus alten dingen immer wieder neues. so brachten sich die beiden relativ gut durch die schlechten zeiten, und behielten ergo dieses vorgehen bei. aus einem grossen alten kleid konnte immer noch ein kleines neues kleid für mich entstehen, und wenn stoff und farbe und muster keineswegs zu einem kind passten, dann passte jedenfalls die stereotype aussage: im krieg wären wir froh gewesen wenn ...

dieser spruch zog sich überhaupt durch meine kindheit wie ein roter faden, und war universell anwendbar auf schuhe, strümpfe, wäsche, essen, und fragen sie mich nicht was sonst noch alles.

kleid zu klein? kein problem, konnte man in der mitte auseinanderschneiden, und dann als rock und gilet tragen. da nabelfrei damals nicht so modern war, wurde an das gilet unten eben ein "stiezerl" angestrickt und an den rock ein aus den abgeschnittenen ärmeln hergestellter bund genäht, und gut. das war so anfang der sechziger-jahre, den rest kann man sich vorstellen. und ich hab ein foto zum beweis, und das war noch ein sonntags-ensemble.

jedenfalls, wolle wurde immer gebraucht, und also auch immer gekauft. in mengen. auch eine strickmaschine wurde gekauft, und teilweise wurde dann auf der maschine gestrickt, teilweise mit der hand, die maschinenteile wurden bestickt oder mit handgestrickten vorderteilen versehen, und die böse frau erarbeitete sich so ein körberlgeld von nicht unbeträchtlicher höhe, natürlich steuerfrei und immerhin, sie wollte ja unbedingt ein haus bauen.

jeder schrank, den man öffnete - na gut, nicht ich, kinder durften keine schränke öffnen - aber kaum öffnete jemand anders einen schrank, ein kastl, oder irgendein behältnis: wolle. in der riesigen handtasche der bösen frau: wolle. unter den betten: wolle. wolle in plastiksäcken, in kartons, in papiersäcken, fallweise begegnete man auch einem freilaufenden knäuel. schurwolle, baumwolle, kunstfaser, mischgewebe aller arten, angora, mohair, jedenfalls: wolle. natürlich vergesellschaftet mit den entsprechendne mengen von stricknadeln, aus kunststoff, aus metall, lange und kurze, rundnadeln, nadelspiele.

besonders angetan hatten es der bösen frau die angefangenen sachen: sie kaufte ein kilo wolle, riss das plastiksackerl irgendwie auf (nur ganz bestimmt nicht an der dafür vorgesehenen stelle), popelte einen knäuel heraus und begann irgendein muster zu stricken. dann verräumte sie das angefangene stück in der einen ecke der wohnung, die restliche wolle in einer anderen ecke, und fortan fanden die bedauernswerten 10 knäuel nie wieder zueinander.

weil sie so viel stricken musste, damit sie fertige strickereien verkaufen konnte, damit sie geld hatte, damit ein haus gebaut werden konnte, da hatte sie keine zeit für anderes, und so führte ihre mutter den haushalt, und die böse frau strickte. die böse frau musste in all ihrer freizeit so viel stricken dass sie keine zeit hatte für mich was zu stricken, und so kam es dass ich an meinem zwölften geburtstag einen kleinen sack wolle geschenkt und ein paar stricknadeln geliehen bekam, und fortan meine pullover selber stricken durfte. jetzt nicht, dass die böse frau mir geholfen hätte am anfang, die hatte keine zeit für sowas, die musste stricken. aber aus lauter zorn habe ich es dann doch gelernt, und zwar ebenfalls ziemlich gut.

socken stricken hat mir aber mein vater beigebracht, seine mutter war ja handarbeitslehrerin gewesen, der konnte das zumindest theoretisch immer noch, nur die feinmotorik spielte nicht mehr mit, aber das prinzip beherrschte er. und er wollte doch so gerne handgestrickte socken, und die böse frau musste so viel stricken, die hatte keine zeit für socken. aber ich kann das jetzt im akkord, mit sehr langen bündchen und dünnen nadeln: max. 4 stunden das stück, auch wenn ich zwischendurch noch mit frau hunt runtergeh, telefoniere und beim stricken fernsehe.

mein vater war ziemlich oft ziemlich sauer ob der wollmengen, aber die böse frau begann dann einfach zu flennen und versteckte die wolle in ihren schränken in der bank. auch bei mir im büro war später ein ganzer schrank voll mit ungefähr vier festmetern wolle (und ja, ich weiss wieviel das ist, es war ja auch ein grosser alter notenschrank voll).

das haus nahm gestalt an, und war dann auch bewohnbar, und die böse frau lagerte auch dort wolle in allen ecken und an allen enden. so war also die wohnung in wien ein geheimes wolllager, mein altes büro in der künschtleragentur ebenfalls, und weiss der kuckuck wo sie noch überall nestchen gebaut hatte.

irgendwann starb mein vater, und mein bruder, der burli und haupterbe, wurde zum hausherrn und keifte ob der wolle herum. damals sprachen wir noch miteinander, aber als ich sprach: "burli, die böse frau hat nicht alle latten am zaun, die hat mehr wolle als ein mittelprächtiges wollgeschäft!", da fragte der burli die böse frau ob das der wahrheit entspräche, und natürlich sagte die böse frau nein, das sei gar nicht wahr, und jetzt raten sie einmal wer dann wieder einmal der schlechte mensch in der familie war.

wenn ich einen pullover wollte, dann kaufte ich die wolle im geschäft, denn die böse frau brauchte alle die sie hatte selber, nur manchmal bekam meine tochter was für einen pullover, den musste aber dann ich stricken damit das kind was zum anziehen hatte, wie die böse frau meinte. besonders gerne beglückte sie uns übrigens mit solchen geschenken wenn wir zum beispiel gerade übersiedelt waren und aus den kartons lebten, oder wenn wir gerade irgendwas in der wohnung umbauten, oder ich besonders viele überstunden machte. und dann rief sie dreimal täglich an und fragte nach dem zu strickenden teil. und das fräulein tochter hatte auch immer ziemlich genaue vorstellungen von dem was sie wollte, besonders lang und besonders weit und besonders dicke zöpfe, und das eine muster von hier und das andere von da, zweihundertfünzig und mehr maschen für ein vorder- oder rückenteil, was ein spass. immerhin aber war sie stets sehr zufrieden mit meiner arbeit.

aber es geht ja der krug zum brunnen bis er bricht, und so kam es dass die böse frau herzkrank wurde und nicht mehr konnte wie sie wollte, und also musste sie die wohnung in wien aufgeben. ausräumen konnte sie diese nicht mehr selber, das wichtigste stellte sie zusammen zum übersiedeln, und den rest erledigte der burli.

und auf einmal rief mich der burli an und meinte, wenn ich wolle bräuchte, da scheine einiges in der wohnung zu sein. was denn auch den tatsachen entsprach.

das "kabinett" hatte über zwanzig quadratmeter, und da hinein hatten der burli und seine frau die wolle getan, die sie in den verbliebenen schränken gefunden hatten. in dem kabinett war nichts ausser wolle - und zwar weit über einen meter hoch, von einer wand zur anderen. grosse säcke, kleine säcke, einfarbige und bunte, plastik, stoff und papier, alles prall gefüllt, und darüber hüpften einige der solo-knäuel und hatten ihren spass damit uns meuchlings zu attackieren auf der suche nach ihrer verwandtschaft, den restlichen neun knäueln der partie. angefangene strickereien, auf nadeln und auch nicht, babywesten, herrenpullover, mützen. schachteln mit feinster angorawolle, kartons mit mohairwolle, kartons mit alpakkawolle, spulen mit effektgarnen aller arten, kartons mit teppichwolle. auch stramin und vorlagen zum teppichknüpfen fanden sich, natürlich bunt gemischt und also nicht zuordenbar, grob gerechnet wären allein die - natürlich meist angefangenen - teppiche ausreichend gewesen um eine fläche von fünfzig quadratmetern zu bedecken.

da wurde auch dem burli anders, aber wie das so ist als y-chromosomenträger und haupterbe, da kann man ja ums verrecken nicht zugeben dass da nicht nur was nicht stimmen kann, sondern schon seit jahren einiges im argen hat sein müssen. aber er erlaubte mir immerhin ein paar handarbeitsfetischistinnen herbei zu zitieren, damit die sich bedienen konnten.

was soll ich sagen: hätte die böse frau alleine die strickwolle verstricken wollen, und hätte sie jede woche einen grossen pullover gestrickt, dann hätte sie an die dreihundert jahre alt werden müssen um das alles zu verstricken. man könnte auch sagen, kulant gerechnet lag allein in diesem kabinett der gegenwert von runden öS 250.000.-- in sonderangebotswolle, vorausgesetzt man berechnete ein kilo erstklassiger qualität mit öS 50.--, bei einem normalverkaufspreis von öS 200.--, grob geschätzt, weil genau nachrechnen konnte man das nicht. für ein anständiges auto mit allen rafinessen hätte es aber mit links gereicht.

es fand sich auch ein angefangenes babywestchen für mich, das lag schon weit über dreissig jahre herum, und so weiter und so fort.

nun war die wolle ja teilweise jahrzehntelang fest zusammengedrückt in schränken oder kartons verpackt gewesen, und als diese nun geöffnet wurden, da atmeten die knäuel auf, und schnappten nach luft, und dehnten und streckten sich, und begannen sich zu regen und zu bewegen und ihr altes volumen wieder anzunehmen, und so platzten die alten plastikfolien und liessen eine unzahl an lustigen bunten bällchen frei. und es schien, als vermehrten sich die kleinen teufelchen auch noch mit rasender geschwindigkeit, und die berge wurden höher und höher und wankten und schwankten bedrohlich.

ich kaufte mehrere rollen der 600 liter fassenden schwarzen müllsäcke, und hiess die strickbegeisterten damen einfassen. wäre fast fatal ausgegangen zu beginn, weil meine freundin e., eher von kurzer statur, nachdem wir ein stück fussboden freigeräumt hatten kurzfristig unter einem wollberg verschwunden war und nur durch brachiales eingreifen seitens des burli wieder ans tageslicht befördert werden konnte. sie verliess den ort des geschehens leicht geschockt und mit einem auto voller wolle: kofferraum und fahrgastraum liessen nur mehr platz für sie selbst.

die frau des burli wollte auch wolle, für sich und ihre mutter und ihre schwester, gott sei dank hatten sie einen vw-bus, da ging schon was rein.

rosa- und lilafarbene wolle bekam die eine kollegin in der damaligen fabrick, 1.800 liter, und den stramin und die teppichwolle holte die schwägerin einer anderen kollegin, die kamen mit zwei kombis, und: beide autos vollgeladen.

ein paar säcke - wenn ich mich recht erinnere, drei oder vier pkw-ladungen voll - lud ich irgendwie ebenfalls in der fabrick ab, zur freien entnahme.

auch ich bediente mich, vorsichtig, gebrannte kinder scheuen ja das feuer wie man weiss.

der entrümpler sah nur die reste und meinte, so eine menge wolle habe er in dreissig jahren entrümpeln noch nie in einer privatwohnung gesehen, und führte die restlichen zwölf 600 liter-säcke zu einer behindertenwerkstatt, deren betreiber die angekündigte menge nicht ernst genommen hatten und ergo ein kleines unterbringungsproblem anmeldeten. aber der entrümpler blieb hartnäckig, lud aus und flüchtete eilends.

die wolle, die in meinem alten büro gelagert war ersuchte man mich abzuholen, ich weigerte mich aber und ersuchte das zeug den reinigungsdamen zu überantworten, meinethalben auch anzuzünden, in die donau zu kippen, durch wien zu rollen, oder sonstwas damit anzufangen.

die wolle, die im haus gelagert war, blieb dem burli zunächst teilweise verborgen weil die böse frau alles gut versteckt und unter fremdtiteln in schränken verstaut hatte, gerne auch unter einer schicht tarnender föhrenbockerln, was nicht so klug war, weil sie die kartons mit unten wolle und oben bockerln in den zukünftigen partykeller getan hatte, die geschlossenen bockerln zum trocknen, und als die bockerln dann trocken waren und aufsprangen und ihre samen ausspuckten, da hüpften sie herum in dem doch ziemlich grossen raum und hatten sich teilweise an wollfäden geklammert die ihrerseits aus wollknäueln herausschauten, und den rest stellen sie sich bitte selber vor.

diesen vorrat konnte man nur mehr auf der deponie entsorgen, was auch geschah: sie haben ja hoffentlich keine ahnung davon wie föhrenharz klebt, aber vielleicht können sie sich ja noch an die pechhäferln erinnern mit denen früher das harz gesammelt wurde. wenn man da anstreifte, dann aber: hossa.

die böse frau war in der zwischenzeit in eine wohnung unten im ort gezogen, die sie sich gekauft hatte weil der burli erst in einem gemieteten haus gewohnt hatte weil die böse frau keineswegs mit ihrer schwiegertochter, weil: die beste frau für den burli war ja sowieso sie selbst. als die böse frau starb, fanden sich natürlich auch in der wohnung noch mehrere kartons mit wolle, und ein paar angefangene teppiche, landete alles auf der deponie.

vor etlichen jahren dann musste das dach des hauses repariert werden, und ganz hinten im eck fand der burli, sie erraten es: einen aber auch schon wirklich riesengrossen karton mit: wolle. und mit riesengross meine ich: zwei mal zwei meter bodenfläche, und eineinhalb meter hoch. man konnte gerade noch hineingreifen um die oberste schicht abzutragen.

fragen sie mich bitte nie, warum ich wollreste aus prinzip manisch bis auf den letzten faden verarbeite. irgendwie scheine ich da einen klitzekleinen knacks behalten zu haben.

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